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Kaufhaus-Mitarbeiter Sven Krüger ordnet das Sortiment des Second-Hand-Ladens.

Darmstadt Kaufhaus der Gelegenheiten

Trödelladen steht vor dem Aus

Das 2006 in Darmstadt eröffnete Kaufhaus der Gelegenheiten kämpft um seine Existenz. Der Second-Hand-Laden mit sozialem Konzept bräuchte Einnahmen von rund 600 Euro am Tag, im Moment ist es durchschnittlich gerade mal die Hälfte. Die Gründe für die Misere sind vielfältig.

An diesem Mittwochvormittag ist im Kaufhaus der Gelegenheiten einiges los: Kunden begutachten gebrauchte Couchgarnituren und durchstöbern die Geschirr-Abteilung. Aber so sieht es in dem Second-Hand-Kaufhaus leider nicht immer aus, wie Mitarbeiter Sven Krüger (34) beklagt. Immer am ersten Mittwoch im Monat ist Schnäppchentag im Ka-Gel – da gibt’s nochmal Rabatt auf die Sachen, die ohnehin schon zu spottbilligen Preisen abgegeben werden. Da wird es schon mal voll.

Aber an allen anderen Tagen ist eher wenig los. Zu wenig. Im Laufe des Dezembers hat sich die Lage so weit zugespitzt, dass der Laden nun kurz vor dem Aus steht, schildert Olaf Peter. Ende Januar werden die derzeit sechs fest angestellten Mitarbeiter vermutlich vergebens auf ihre Löhne warten. Peter ist Vorsitzender des Vereins „Zündholz – Hilfe zur Selbsthilfe“, der das Ka-Gel vor acht Jahren gegründet hat. Der Sozialpädagoge arbeitet neben seinem Beruf rund 20 bis 30 Stunden pro Woche ehrenamtlich in dem Kaufhaus und betreut die Mitarbeiter, weil es ihm eine Herzensangelegenheit ist. „Ziel ist es, Menschen neue Perspektiven zu geben, die andernfalls maximal in irgendeiner Zeitarbeitsfirma, wenn nicht sogar auf dem Luisenplatz landen würden.“

600 Euro am Tag sind nötig

Oft sei dieses Konzept auch schon aufgegangen: Mitarbeiter Sven Krüger ist ein gutes Beispiel dafür. Der 34-Jährige hat eine lange Drogen-Laufbahn hinter sich, seitdem er im Alter von 15 Jahren im Kinderheim landete. Im Ka-Gel nutzte er seine zweite Chance, begann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und will – nun seit zwei Jahren clean – seiner Freundin und dem gemeinsamen vier Monate alten Sohn ein normales Leben ermöglichen.

Doch Gründer Olaf Peter ist Realist genug, um zu wissen, dass sich der Laden nicht allein durch gute Absichten und ein soziales Konzept tragen lässt. Einnahmen von rund 600 Euro am Tag müssten im Ka-Gel erwirtschaftet werden, um auf eine schwarze Null zu kommen, schildert er. Im Moment sei es durchschnittlich gerade die Hälfte. Allein die Miete für die 800 Quadratmeter große Halle an der Pallaswiesenstraße verschlingt 6800 Euro im Monat. „Wir stehen jetzt an einem Scheidepunkt. Entweder wir schaffen es, oder es geht nicht weiter.“

Mitarbeiter wollen nicht aufgeben

Die Gründe für die Misere sind vielfältig: Früher kamen viele Hartz-IV- oder Sozialhilfe-Bezieher mit Bezugsscheinen vom Sozialamt zur Erstausstattung einer Wohnung. Diese Einnahmequelle sei aber größtenteils weggebrochen, seitdem statt der Scheine Geld ausgezahlt werde, schildert Peter. Billige Möbel-Konkurrenz lauert heute schließlich an fast jeder Straßenecke. Außerdem wurden zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, um noch mehr Menschen wie Sven Krüger eine zweite Chance zu geben. Auch das belastete die Kassen. „Da haben wir uns vermutlich übernommen“, sagt Peter.

Aber die Mitarbeiter wollen nicht aufgeben. Sven Krüger und seine Kollegen haben sich mit Briefen an Einrichtungen und die Stadtpolitik gewandt, in denen sie um Spenden bitten. So soll das Ka-Gel wenigstens die nächsten Monate über Wasser gehalten werden. Olaf Peter hofft aber auf eine langfristige Lösung, etwa durch eine Partnerschaft oder die Unterstützung einer Stiftung. Damit das Ka-Gel irgendwann vielleicht sogar zu einem eigenständigen Betrieb wird. mmi

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