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Treffen zwischen Tätern und Opfern

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Von: Claudia Kabel

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Eine Voraussetzung für den Täter-Opfer-Ausgleich ist, dass der Täter bereit ist, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.
Eine Voraussetzung für den Täter-Opfer-Ausgleich ist, dass der Täter bereit ist, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. © dpa

Sich ein Bild vom "Monster" machen: Die Diakonie Darmstadt-Dieburg begleitet Täter und Opfer nach einer Straftat. Viele Verfahren können dadurch eingestellt werden.

Eines nachts klopft und klingelt es an der Tür eines Rentnerehepaars in einem Villenviertel in Darmstadt. Laute Rufe sind zu hören. Herr T. öffnet die Haustür, um nachzusehen, wer da randaliert. Die Tür wird aufgestoßen und der ältere Herr angegriffen. Er wird vom Täter zu Boden gestoßen und gewürgt. Erst als Frau T. ihrem Mann einen Regenschirm zuwirft, gelingt es ihm, den Eindringling hinauszubefördern. Die Polizei nimmt den Mann fest. Herr T. erstattet Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Beleidigung. Der Fall landet nicht vor Gericht, sondern beim Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg. Die evangelische Einrichtung ist Kooperationspartner der Staatsanwaltschaft Darmstadt und seit etwa 20 Jahren für die Durchführung von Täter-Opfer-Ausgleichen zuständig. Dabei arbeitet sie auch mit Opferverbänden zusammen.

Etwa 100 Fälle aus Südhessen werden der Diakonie jährlich von der Staatsanwaltschaft im Bereich des Erwachsenenstrafrechts zugewiesen. Etwa 70 weitere aus dem Jugendstrafbereich. „Der Täter-Opfer-Ausgleich ist ein wichtiges Mittel, auch wenn eine Verfahrenseinstellung nicht in jedem Fall möglich ist“, sagte die Leiterin der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Kerstin Reckewell, am Donnerstag beim Besuch von Justizstaatssekretär Thomas Metz (CDU) am Hauptsitz der Diakonie in Darmstadt. Zum Einsatz kommt das Instrument vor allem bei Körperverletzung, Nötigung und Sachbeschädigung. „Es kann nur da eingesetzt werden, wo man Potenzial sieht“, sagte Staatssekretär Metz. Bei schweren Verbrechen kann es sich strafmildernd auswirken. Voraussetzung ist, dass der Beschuldigte Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Ziel ist, den Konflikt zu lösen, indem die emotionale Betroffenheit ausgedrückt wird. Das Opfer kann so psychische Belastungen bewältigen. Der Täter hat die Möglichkeit, sich zu entschuldigen. Es können auch Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden, die die Diakonie abwickelt, sagte Barbara Ade, Mediatorin im Fall von Herrn T.

Hälfte der Fälle erfolgreich

Doch nur in etwas mehr als der Hälfte der Fälle kommt es zum Täter-Opfer-Ausgleich. Denn diesem müssen beide Parteien zustimmen. Die Opfer seien meistens eher dazu bereit, so Reckewell. „Für den Beschuldigten ist es keine Wohltat, sich zur Tat zu bekennen, sondern ein Stück Wiedergutmachung.“

Im Fall von Herrn T. kam es zum Ausgleich, allerdings nicht zu einem der üblichen Treffen der beiden Parteien, wie Ade berichtete. Herr T. sei sehr betroffen durch den Überfall gewesen. Es habe ihm aber bereits geholfen, in mehreren Gesprächen mit Ade das Erlebte zu verarbeiten. Er hatte sie gebeten, sich an seiner Stelle „ein Bild von dem Monster“ zu machen, persönlich wollte er dem Täter nicht begegnen. Erstaunt zeigte sich Herr T. darüber, dass es sich nicht um einen Schläger handelte, sondern um einen Studenten aus gutem Hause, der zu viel getrunken hatte. Dieser zeigte sich im Gespräch mit Ade beschämt, dass er einer älteren Person so etwas angetan hatte, konnte sich aber an den Vorfall nicht erinnern. Herr T. forderte 500 Euro als „kleinen Denkzettel“. Beide signalisierten laut Ade, dass sie den Ausgleich sehr hilfreich fanden.

Warum die Diakonie Täter-Opfer-Ausgleiche betreut, begründet Leiterin Edda Haak: „Im christlichen Menschenbild gibt es keine hoffnungslosen Fälle.“

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