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Das Toben der Lämmer

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750 Schafe tummeln sich auf der Weide, davon um die 400 Jungtiere.
750 Schafe tummeln sich auf der Weide, davon um die 400 Jungtiere. © Karl-Heinz Bärtl

Am Ortsrand von Dieburg findet die Schafherde von Jo Jung auf sandigem Boden ideale Bedingungen - und zieht viele Schaulustige an.

Langsam geht die Sonne leuchtend rot unter. Staub liegt in der Luft, aufgewirbelt von Hunderten dürrer Lämmerbeinchen. In kleinen Gruppen jagen die jungen Schafe ausgelassen übers Feld am Ortsrand von Dieburg, toben, stolpern, rappeln sich auf und rennen hinterher; nur um keine Sekunde in der spaßigen Meute zu verpassen. „Das hier ist viel besser als Fernsehen“, sagt ein junges Pärchen, das mit vielen anderen Zuschauern das lustige Treiben erst verlässt, als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Dächern verschwinden.

„Ja, hier in Dieburg haben wir seit einigen Wochen viele Zuschauer“, sagt Schäfer Jo Jung. Schon im Winter ist er mit seiner Herde dorthin gezogen. Rings um den Otzberg waren die Böden zu nass. So trottete die Herde bis kurz vors Dieburger Freizeitgelände. Dort, am Magerrasen, auf sandigem Boden, fanden sie ideale Bedingungen vor – und helfen mit ihrer natürlichen Beweidung, den Charakter des Naturschutzgebietes zu erhalten.

Landwirte, Kreis-Naturschutzbehörde und Forstverwaltung greifen auf solchen wertvollen Öko-Flächen im Dieburger Land gerne auf Jo Jungs Schafe zurück. Bei Pfungstadt beispielsweise ist es Schäfer Rainer Stürz, der im Öko-Projekt „Ried und Sand“ seine Schafe auf Bestellung weiden lässt, derzeit an der Pfungstädter Deponie. „Allein von der Schafzucht könnte ich nicht leben“, sagt Jung, während er sich in der frühen Abendsonne um seine mittlerweile 750 Tiere große Herde kümmert. „Die genaue Zahl kann ich nicht sagen, das verändert sich ja stündlich.“ 300 bis 400 Lämmer tummeln sich inzwischen auf Jungs Weide. Jedes Mutterschaf bringt im Jahr ein oder zwei Lämmer auf die Welt.

Das Toben der Lämmer kann man auch jetzt noch beobachten: Sie sind nicht fürs Ostermahl geschlachtet worden. „Lämmer saugen fünf bis sechs Monate lang Muttermilch. So lang schlachte ich nicht“, erklärt Jung. „Erstens könnte sich der Euter des Muttertieres entzünden. Und zweitens schlachte ich doch keine Babys.“

Bei 750 Tieren kann Jung zwar nicht zu jedem eine besondere Beziehung entwickeln. Aber es gebe immer wieder einige, die er mit der Flasche großziehen müsse. „Die bekommen dann auch Namen und laufen mir natürlich immer hinterher. Das mache ich mir zunutze. Sie werden meine Leitschafe, und die Herde folgt ihnen bei Standortwechseln“, schildert der Schäfer.

An Urlaub ist in diesem Beruf kaum zu denken. Und finanziell sieht’s ohnehin düster aus. „Für die Schafwolle habe ich zuletzt 45 Cent pro Kilo bekommen. Ein Schaf gibt drei bis vier Kilo Wolle; insgesamt deckt das noch nicht mal die Kosten für die Schur.“ Die zweite Einnahmequelle ist das Schaffleisch. Jung schlachtet seine Tiere selbst. „Das habe ich mir geschworen, damals, Ende der 70er Jahre, als ich als Schäfer anfing, dass ich meine Lämmer nie im Schlachthof schlachten lasse.“

18 bis 20 Kilo schwer sei der Schlachtkörper des mindestens sechs Monate alten Tieres. Wenn die Schafherde bestimmte Öko-Wiesen freihalten soll, kommen auch dafür ein paar Euro hinzu. „Aber ohne unseren Hofgutladen in Ober-Klingen könnte ich mich finanziell nicht über Wasser halten“, sagt der Schäfer.

Inzwischen ist es Abend, die Tiere sind versorgt, die Tränken gefüllt. Der Nachwuchs tobt noch immer, als ob es kein Morgen gäbe – und keine Schlachtung. (piz)

Schäfer Jo Jung, Bioland-Hofgutladen in Ober-Klingen, Wiesenstraße 6, Telefon 0173/3410958.

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