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Teure Taubenfütterung

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Von: Claudia Kabel

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Wenn Frau M. den Futtersack öffnet, kommen die Tauben vom Luisenplatz und Marktplatz angeflogen ? sehr zum Ärger der Stadtverwaltung.
Wenn Frau M. den Futtersack öffnet, kommen die Tauben vom Luisenplatz und Marktplatz angeflogen ? sehr zum Ärger der Stadtverwaltung. © Rolf Oeser

Seit Jahren füttert Frau M. die Tauben in Darmstadt und soll dafür eine halbe Million Euro Bußgeld zahlen. Für sie kein Grund aufzuhören.

Es fühlt sich an wie bei Alfred Hitchcocks „Die Vögel“: Auf Dächern und Stromleitungen rund um den Ernst-Ludwigs-Platz sammeln sich die Tauben. Gurren und flattern. Dutzende, wenn nicht gar Hunderte. „Ich muss mich verstecken“, sagt die Frau im knallroten T-Shirt und schlüpft unter das Dach der Haltestelle Schloss. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Nennen wir sie Frau M. „Wenn sie mich sehen, kommen sie“, sagt Frau M. und deutet auf einen Sack mit Futter. Hier in der Fußgängerzone und an anderen Orten in Darmstadt füttert Frau M. die Tauben. Jeden Tag. Seit 18 Jahren tut sie das – obwohl es laut städtischer Gefahrenabwehrverordnung verboten ist.

Frau M. hat schon unzählige Bußgeldbescheide bekommen. Inzwischen koste es sie jedes Mal 5000 Euro, berichtet die 54-jährige Medizinerin, insgesamt liege sie bei etwa einer halben Million Euro, die sie zahlen solle. Mehrere Verfahren sind beim Amtsgericht Darmstadt gegen sie anhängig. „Schon zweimal gab es gegen Frau M. Urteile“, sagt ihr Verteidiger, der Heidelberger Rechtsanwalt Hans Böhm, doch jedes Mal legten er und seine Mandantin Rechtsbeschwerde ein. Begründung: Die Taubenverordnung sei nichtig, weil sie nicht vom Bürgermeister unterschrieben worden sei, sondern von einem Stadtrat. Zudem moniert Frau M., sie sei als „Satzung“ erlassen worden, werde aber „Gefahrenabwehrverordnung“ genannt. Diese sei aber eine staatliche Aufgabe und keine Selbstverwaltungsaufgabe; es müsste eine Delegationsverordnung der Landesregierung geben, die in Hessen nicht existiere. „Ich stelle das Fütterungsverbot nicht nur für Darmstadt und Hessen, sondern für die gesamte Bundesrepublik infrage“, sagt Frau M. Laut ihrem Rechtsanwalt ist auch die Höhe der Bußgelder unverhältnismäßig.

Jetzt wartet Frau M. auf das dritte Urteil

Das Oberlandgericht Frankfurt hob die Darmstädter Urteile zweimal auf. Jetzt wartet Frau M. auf das dritte Urteil des Amtsgerichts. In jedem Verfahrensgang sei versucht worden, sie als unzurechnungsfähig zu erklären, sagt Böhm. Doch die ersten beiden Gutachter hätten keine Unzurechnungsfähigkeit feststellen können.

Erst der dritte habe sich dahingehend geäußert – habe dies aber davon abhängig machen wollen, ob die Verordnung nun rechtsgültig sei oder nicht, schildert Böhm. „Man kann doch nicht so lange Gutachter holen, bis sie sagen, was man will“, kritisiert der Rechtsanwalt. Doch warum tut sich Frau M. das überhaupt an? „Weil es den Tauben schlechtgeht. Weil sie durch nicht artgerechtes Futter krank werden und im städtischen Taubenschlag auf dem Dach des Karstadt nicht genug Futter bekommen“, sagt Frau M. Als Beweis öffnet sie ihren Futtersack, wirft händevoll die Körner auf den Platz. Die Vögel sausen herbei, ruckzuck picken sie Mais und Hirse weg. „Sehen Sie, wie hungrig die sind?“, fragt Frau M.

Das sieht Christian Zentgraf anders. Der Tierarzt ist Leiter des Tierheims in Griesheim und für die Betreuung des seit 2014 bestehenden kommunalen Taubenschlags zuständig. Die Futtermenge im Schlag werde über Silos dem Bedarf angepasst. „So sehen wir, ob wir mehr füttern müssen.“ 25 bis 50 Kilogramm seien es am Tag. Außerdem könnten 15 Eier in der Woche gegen Gipseier ausgetauscht werden. Dadurch soll die Zahl der rund 5000 Stadttauben langfristig sinken. Insgesamt sei der Schlag mit Niststellen ein erfolgreicher Prototyp, der zeige, dass Tauben vom Luisenplatz verlagert werden könnten – trotz Konkurrenzfütterung.

Für Frau M. ist es nur ein „Scheinschlag“ und tatsächlich: Zentgraf räumt ein, dass es ein Problem gebe, denn der Schlag ist hoffnungslos überfüllt. Platz gebe es für 200 Tauben, 300 bis 400 kämen aber je nach Jahreszeit. „Wir bräuchten zehn Schläge“, sagt der Tierarzt. „Wenn keine weiteren Schläge folgen, gibt es keine Verbesserung für die Tauben.“ Dies habe er auch der Stadt mitgeteilt.

Dort ist man gewillt, das Stadttaubenprojekt auszubauen. Die Mittel von 10 000 Euro für einen weiteren Schlag seien vorhanden, sagt Umweltdezernentin Barbara Akdeniz (Grüne). Das Problem: „Wir haben nicht das passende Dach.“ Wenn ein privater Hausbesitzer sein Dach zur Verfügung stellen wolle, solle er sich melden. Denn das Projekt zeige, dass „die Population in Schach gehalten werden kann“, so Akdeniz. Wobei auch die Dezernentin es für wenig hilfreich hält, wenn Frau M. mitfüttert: „Je häufiger Tauben gefüttert werden, desto fruchtbarer werden sie.“ Ein weiterer Nachteil sei, dass sie außerhalb des Schlags brüteten und ihre Eier nicht ausgetauscht werden könnten. Frau M. sollte auch schon einmal in das Taubenprogramm eingebunden werden. Sie habe es aber von sich aus nicht weiterverfolgt, sagt Akdeniz.

Die Vorwürfe, die Taubenverordnung sei nicht rechtsgültig, weist die Dezernentin zurück: „Die ist durch alle Gremien ordnungsgemäß durchgegangen.“ Der Punkt sei doch, dass im Stadtgebiet nicht gefüttert werden dürfe, weil man den Tieren nichts Gutes tue.

Das sieht auch Kammerjäger Björn Kleinlogel so. „Infolge des wilden Fütterns entsteht mehr Tierleid“, sagt der Biologe. Er betreibt den größten inhabergeführten Schädlingsbekämpfungsbetrieb der Gegend und wurde auch schon von der Stadt engagiert. Frau M. wirft ihm vor, dass er an den Tauben nur verdienen wolle. Dass er vor Jahren sogar im Auftrag der Stadt 120 Tauben aus Würzburg nach Darmstadt gebracht und sie hier ausgesetzt habe, um die ansässigen Tauben zu verdrängen. Hört sich absurd an, ist aber wahr.

Kleinlogel hat das „Substitutionsmodell“ entwickelt. Derzeit betreibt er es zwar nicht mehr im Auftrag verschiedener Städte, er setzt es aber in Rüsselsheim für einen großen Autohersteller und in Stuttgart für die Bahn ein. Seine Idee: Tauben sind ortstreu und koten an ihren Brut- und Schlafplätzen. Deshalb fängt er sie ein und bringt sie weit weg, um sie in Schlägen am Stadtrand anzusiedeln. Von dort fliegen sie zu den Futterplätzen und fressen den dortigen Tauben das Futter weg. So würden sich diese nicht stärker vermehren. Seine Taubenschläge würden regelmäßig gereinigt und die Tauben dort anfangs auch gefüttert, um sie an den Schlag zu gewöhnen, sagt Kleinlogel. Das sei im Preis inbegriffen, den er für das Einfangen veranschlage. Auch in Darmstadt unterhält er einen Schlag.

Frau M. hält die Begründung des Fehlens geeigneter Dächer für „Ausreden“ und die 120 Tauben von Würzburg seien nur „die Spitze des Eisbergs“. Doch das alles will sie vor Gericht klären – notfalls auch in der nächsten Instanz. Für sie steht fest: Solange die Tauben hungrig sind, wird auch sie da sein und sie füttern.

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