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Gespräche finden gewöhnlich in ruhigerer Atmosphäre statt: Psychologin Martina Balzer (r.) und Praktikantin Lea Leibold im Labor. 

Darmstadt

Darmstadt: Wenn der Kollege eine Fahne hat

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Chemieunternehmen Evonik startet in Darmstadt Pilotversuch zu Suchtaufklärung. Geplant ist eine Schnitzeljagd.

Mit einer Schnitzeljagd über das Werksgelände will die Firma Evonik in Darmstadt ihre Mitarbeiter über Alkoholabhängigkeit informieren. Mit der Idee hat das Unternehmen für Spezialchemie kürzlich den dritten Platz beim bundesweiten Wettbewerb für Betriebliches Gesundheitsmanagement von DAK-Gesundheit und der Kommunikationsberatung MCC belegt und einen Sachpreis im Wert von 10 000 Euro gewonnen.

Anhand der fiktiven Geschichte des alkoholauffälligen Mitarbeiters Karl und seines Vorgesetzten Dirk soll sich so zunächst ein Teil der 1300 Mitarbeiter am Standort Darmstadt mit der Suchtproblematik auseinandersetzen, berichtet Martina Balzer. Die Frau von der Sozial- und Mitarbeiterberatung hatte die Idee für die spielerische Vermittlung der Thematik. Die Stationen führen die Teilnehmer zu den Stellen, die auch im realen Fall einer Auffälligkeit eingebunden sind: neben der Sozial- und Mitarbeiterberatung sind das Werkschutz, werksärztlicher Dienst sowie Personal- und Betriebsrat. „Ziel ist, dabei auch die Hürde zu nehmen, zu diesen Stellen zu gehen“, sagt Lea Leibold, die als Praktikantin an dem Projekt mitarbeitet. An den jeweiligen Stationen sollen die Mitarbeiter über Aktionsspiele oder Fragebögen zum eigenen Konsumverhalten ins Gespräch kommen. „Wir wollen ein Tabu aufbrechen“, sagt Unternehmenssprecher Sascha Görg.

Zeichen für eine Alkoholproblematik sind laut Balzer eine Fahne, gerötete Wangen, glasige Augen, häufiges Kaugummi kauen oder starkes Parfümieren. „Wichtig ist, den Kollegen darauf anzusprechen“, sagt die Psychologin. Nach Zahlen des aktuellen DAK-Gesundheitsreports hat jeder zehnte Arbeitnehmer einen riskanten Alkoholkonsum. Das hat Folgen für die Arbeitswelt: Alkoholkranke bringen nur drei Viertel ihrer Arbeitsleistung, melden sich fast dreimal häufiger krank als ihre Kollegen und fehlen spontan sogar 16-mal so oft, heißt es auf der Website der Krankenkasse. Der jährliche Produktivitätsverlust werde auf 1,3 Milliarden Euro geschätzt.

Der Konzern
Die Evonik Industries AG ist ein weltweites Unternehmen für Spezialchemie mit Sitz in Essen. Die mehr als 32 000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2018 einen Umsatz von 13,3 Milliarden Euro.

Am Standort Darmstadt auf dem ehemaligen Röhm-Gelände arbeiten 1300 Mitarbeiter. Als neue Standortleiterin übernahm Anfang November Tanja Gargulla die Leitung von Armin Neher. Die 50-Jährige Juristin will Darmstadt zum Forschungs- und Entwicklungsstandort weiter entwickeln.

In Darmstadt werden Produkte für die Pharmaindustrie, Polyimid-Schäume und Öladditive produziert und entwickelt. Jüngst wurden im Zellkulturlabor Stoffe getestet, die biologisches Gewebe wie Haut mithilfe kultivierter Zellen wachsen lassen.

Im Viertel beteiligt sich das Unternehmen an sozialen Projekten. Es sitzt in der Kooperationsrunde zum Projekt Soziale Stadt Pallaswiesen/Mornewegviertel und organisiert das Fest auf den Pallaswiesen mit. Vergangenes Jahr spendeten Mitarbeiter Weihnachtsgeschenke für kinderreiche Familien vor Ort. 

„Wir betreiben hier eine Störfallanlage und müssen sichergehen, dass nichts passiert“, sagt Armin Neher, der Leiter des konzernweiten Gesundheitsmanagements. Wichtig ist laut dem Abteilungsleiter des werksärztlichen Dienstes, Kai Barthel, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, in dem man gemeinsam eine Lösung findet. Falls jemand nicht einsichtig sei, müsse er im Notfall die Tätigkeit des betroffenen Mitarbeiters einschränken.

Im Unternehmen kümmert sich das 2015 neu aufgestellte Gesundheitsmanagement nicht nur um Alkohol- und andere Süchte. Neben körperlichen Belangen wie Sehkraft oder Ernährung spielen zunehmend seelische Probleme wie Belastung durch Überforderung oder ständige Erreichbarkeit ein Rolle.

Vor drei Jahren habe man deshalb begonnen, sämtliche Arbeitsplätze auf ihre psychische Belastung hin zu untersuchen, sagt Neher. Die Ergebnisse würden derzeit ausgewertet. Die ständige Erreichbarkeit habe man bereits durch eine Werksvereinbarung gemildert, in der geregelt ist, dass Beschäftigte nach Feierabend oder am Wochenende nicht erreichbar sein müssen. Zudem gebe es Schulungen zum Umgang mit Stress und Entspannungsseminare für Mitarbeiter, die Angehörige pflegen. Drogen würden häufig auch wegen Überforderung konsumiert, sagt Neher. Zudem „bringen die Mitarbeiter ihre privaten Probleme mit“, sagt Barthel.

Mit all diesen Problemen wandten sich im vorigen Jahr 360 Mitarbeiter an Martina Balzer. Sie führte mit ihnen 1300 Gespräche und verwies bei Bedarf an externe Fachleute oder Kliniken.

Die Schnitzeljagd, die erstmals im Frühjahr stattfinden wird, soll später auch an anderen Standorten angeboten werden.

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