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Terror hinter Gittern

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Ein Kronzeuge berichtet über die Herrschaftsstrukturen im Gefängnis.
Ein Kronzeuge berichtet über die Herrschaftsstrukturen im Gefängnis. © roman grösser

Eine russische Untergrund-Organisation beherrscht den Drogenhandel in den hessischen Haftanstalten. Erstmals packt ein ehemaliger Insasse aus. Vor Gericht schildert er haarsträubende Zustände.

Eine russische Untergrund-Organisation beherrscht den Drogenhandel in den hessischen Haftanstalten. Erstmals packt ein ehemaliger Insasse aus. Vor Gericht schildert er haarsträubende Zustände.

Ein Straftäter, der ins Gefängnis in Eberstadt gebracht wird, muss sich auf einiges gefasst machen. Vor allem wenn er aus Russland oder anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion stammt. Neuankömmlinge werden bei erster Gelegenheit mit Schlägen attackiert. Ein Test: Wer sich nicht zur Wehr setzt und den Prügeln auszuweichen versucht, ist erledigt, hat während seines Aufenthalts Drecksarbeiten für andere Häftlinge zu verrichten, etwa deren Zellen zu putzen – schlimmere Demütigungen vorbehalten. „Je mehr sich einer wehrt, desto mehr Chancen hat er, später mal Aufpasser zu werden.“

So schildert ein ehemaliger Insasse der Justizvollzugsanstalt Darmstadt – Fritz-Bauer-Haus die verborgenen Strukturen hinter den 5,20 Meter hohen Mauern einer Institution, die doch eigentlich eine Trutzburg der deutschen Rechtsordnung sein sollte.

Der 31-jährige Russlanddeutsche, früher als Aufpasser in der Häftlingshierarchie selbst recht weit oben angesiedelt, packt in einem Rauschgiftprozess am Landgericht Darmstadt über die Subkultur in diesem und anderen hessischen Gefängnissen aus. Der Mann geht damit ein gewaltiges Risiko ein. Er wolle aus dem System aussteigen, sagt er. Er weiß genau, dass er damit als Verräter gilt und sein Leben bedroht ist. Für die Strafverfolgungsbehörden ist die Aussagebereitschaft des Russlanddeutschen ein seltener Glücksfall. Der Mann wurde ins Zeugenschutzprogramm des Landeskriminalamts aufgenommen, lebt unter falschem Namen an einem unbekannten Ort. In Darmstadt tritt er unter starker Bewachung auf. Rund um den Gerichtssaal herrschen verschärfte Sicherheitsvorkehrungen.

Auf der Anklagebank sitzt ein 36-jähriger Litauer, der in Deutschland bereits mehrere Haftstrafen verbüßt hat. Die Anklage lautet auf Rauschgifthandel, und zwar innerhalb der Eberstädter Gefängnismauern. Dort soll der Litauer im vorigen Jahr als Aufpasser das Gebäude 6 beherrscht und den Drogenschmuggel kontrolliert haben. Angeklagt sind zwei Fälle im April und Mai 2010, es geht um Heroin und die in Gefängnissen verbreitete Ersatzdroge Subutex.

Die Drogen bringen Hafturlauber, Freigänger oder Besucher, oder sie werden als Pakete über die Gefängnismauer geworfen. In den Zellenblöcken wird das Rauschgift zu weit höheren Preisen als draußen verkauft. Ein Teil der Einnahmen wird in den sogenannten Abschtschjak eingezahlt – eine Art Gemeinschaftskasse.

Dieser Abschtschjak spielt eine wichtige Rolle im Gefüge der gefängnisinternen deutsch-russischen Subkultur. Diese folge der russischen Untergrund-Organisation „Diebe im Gesetz“, berichtet der Kronzeuge. Das nun aufgedeckte System reicht weit über Eberstadt hinaus. Nachrichten würden von Haftanstalt zu Haftanstalt übermittelt, erklärt der 31-Jährige.

„Die Gefängnisse in Darmstadt, Hünfeld, Butzbach und Kassel sind wie ein Drahtnetz miteinander verbunden.“ In Ungnade gefallene Häftlinge würden organisationsintern als „Müll“ oder „Ratten“ bezeichnet, berichtet Staatsanwalt Robert Hartmann. Man habe ein Schreiben aus Eberstadt ins Hünfelder Gefängnis abgefangen, in dem vor dem jetzigen Angeklagten gewarnt werde. Den Litauer hätten in Hünfeld – die Verlegung war geplant – vermutlich ungemütliche Zeiten erwartet. Er sitzt derzeit in Weiterstadt ein.

Bei der Gefängnisleitung ist die Struktur der „Diebe im Gesetz“ innerhalb der Eberstädter Mauern durchaus bekannt. „Die sind fast militärisch organisiert“, weiß der stellvertretende Leiter Siegfried Britze. Jahrelang sei es so gut wie unmöglich gewesen, russlanddeutsche Häftlinge überhaupt zu erreichen. Selbst unterdrückte Gefangene hätten sich niemals an die Anstaltsleitung gewandt.

Zuletzt habe man immerhin einigen Erfolg mit Hilfsangeboten wie Integrations- oder Computerkursen gehabt. Häftlinge hätten so wenigstens die Chance, sich dem Druck zum Mitmachen in der Szene zu entziehen. (bad)

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