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Tatort Botanischer Garten

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Die Gärtner, die tagsüber in der Anlage arbeiten, haben eigentlich andere Aufgaben, als die Besucher zu überwachen.
Die Gärtner, die tagsüber in der Anlage arbeiten, haben eigentlich andere Aufgaben, als die Besucher zu überwachen. © Roman Grösser

Pflanzenfreunde gelten mithin auch mal gerne als etwas eigentümlich. Im Botanischen Garten in Darmstadt geht das Eigentümliche nun definitiv zu weit: Dort wird seit einiger Zeit vermehrt geklaut. Auch Einbrüche ins Gewächshaus werden gemeldet.

Locker ausgebrochene Erde deutet den Verlust an. Zum Glück ist er in diesem Fall nicht dramatisch: Ein Besucher des Botanischen Gartens in Darmstadt hat kurzerhand einen Zierlauch mitgehen lassen – in Sichtweite des Institutsgebäudes und damit auch von Gartendirektor Stefan Schneckenburgers Büro.

Dass sich in dem reichhaltig bestückten Forschungs- und Studiengarten auch ungebetene Gäste bewegen, ist für den Leiter nichts neues. An normalen Werktagen zählt der schmucke Park in Darmstadts Osten rund 50 Besucher; samstags und sonntags sind es 150 bis 200.

Da ist immer mal ein schlimmer Finger dabei, weiß Schneckenburger. „In diesem Jahr aber ist die Zahl der Diebstähle rasant angestiegen“, sagt er, „und ich weiß nicht, woran es liegt. Erfreulicherweise steigt auch die Zahl der Besucher insgesamt – vielleicht ist das die negative Folge eines positiven Trends.“

Gestohlen wird alles. Schneckenburger unterscheidet zwei Kategorien. „Da ist der Spontandieb, jemand, der die Beete langläuft und sich sagt, ach guck mal, das sieht ja hübsch aus, und dann rupft er’s raus und nimmt das Pflänzchen mit nach Hause.“ Auch dies ist kriminell, aber sozusagen der minder schwere Fall.

Kein Aufsichtspersonal

Mehr ins Gewicht fallen Diebe, die gezielt auf die Suche nach möglichst seltenen und exotischen Pflanzen gehen. Die Schaufel und Schere mitbringen und auch den Einbruch ins Gewächshaus nicht scheuen. „Das sind Experten“, weiß Schneckenburger.

Wobei die Moden wechseln. Als die Gothic- und Hexenbewegung boomte, sei oft Alraune gestohlen worden. „Aber wir haben auch einen Spezialisten, der sich auffallend oft nach halluzinogenen Pflanzen erkundigt“, sagt der Gartenchef. Ein Stammgast der besonderen Art war auch jener Besucher, der regelmäßig Töpfe mit der Schopfteufelskralle mitnahm. „Aber er ließ immer welche zurück. So dass er sich ein paar Monate später wieder bedienen konnte, wenn die Pflanze bei ihm daheim eingegangen war.“

Der Aufzuchttrog, in dem der bei Dieben ebenso begehrte Amerikanische Frauenschuh wächst, ist mittlerweile mit einem massiven Metallgitter plus Vorhängeschloss gesichert. Ums den Profidieben schwerer zu machen, haben die Gärtner inzwischen auch Pflanzenschilder vertauscht – oder gleich ganz entfernt.

Manchmal werden die Diebe auch erwischt. „Einmal haben wir einen Mann an den Beinen aus einem Lüftungsfenster des Tropengewächshauses rausgezogen. Der hatte versucht, da reinzukriechen. Behauptete, er habe nur mal schauen wollen.“ Ein anderer Frevler antwortete der Gärtnerin, die ihn ertappt hatte: „Wieso? Ich zahle doch Steuern.“

„Der glaubte wirklich, das gibt ihm dann auch das Recht, in öffentlichen Anlagen zu stehlen“, sagt Schneckenburger. „Irgendwie ist das Gefühl für dein und mein in unserer Gesellschaft verloren gegangen..“ Wohl auch bei jenem Besucher, der auf Tuffsteine, die zum Anlegen eines Alpingärtchens bereitlagen, einen Haufen setzte.

Rund 15 Gärtner sind täglich auf der 4,5 Hektar großen Parkanlage sowie in den Gewächshäusern im Einsatz. Sie alle haben ein wachsames Auge auf die Besucher. Am Nachmittag ist es freilich nur noch ein Gärtner, der den Spätdienst versieht. „Was uns fehlt, ist richtiges Aufsichtspersonal“, beklagt Schneckenburger.

Hält die Welle von Kriminalität an, wird Schneckenburger zu technischen Hilfsmitteln greifen müssen: „Dann installieren wir Überwachungskameras.“ Und vielleicht eine Hinweistafel, dass es Zierlauch auch im Baumarkt und im Gartencenter gibt. (ers.)

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