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Tanzplatz unter Buchen

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Performance mit Baum - in ein paar Wochen ist sie Teil der Installation Strange Fruit auf der Ludwigshöhe.
Performance mit Baum - in ein paar Wochen ist sie Teil der Installation Strange Fruit auf der Ludwigshöhe. © Helen Knust

„Ich hatte Sehnsucht nach dem deutschen Wald“, erzählt Volker Eschmann, der auf Ibiza lebt. „Nach der Frische, dem Moosgeruch, dem Licht, den Bäumen.“ Auf Heimaturlaub kam er beim internationalen Waldkunstzentrum vorbei. Keine Frage, dass er beim Waldkunstpfad mitmacht.

Von Helen Knust

Regen tröpfelt aufs Blätterdach, unter den Füßen der beiden Tänzer knacken Zweige. Einer nimmt die Bewegungen des anderen auf, sie rollen an- und übereinander ab, mühelos schwingt sich der eine auf die Schultern des anderen, dreht sich akrobatisch in der Luft. Contact Improvisation heißt das Bewegungsspiel, zeitgenössischer Tanz mitten in der Natur.

Die Performance gehört zum Kunstprojekt Strange Fruit, das Volker Eschmann mit seinem Partner Jörg Gönner auf dem Waldkunstpfad an der Ludwigshöhe in Darmstadt baut. „Ich hatte Sehnsucht nach dem deutschen Wald“, erzählt Eschmann, der auf Ibiza lebt. „Nach der Frische, dem Moosgeruch, dem Licht, den Bäumen.“ Auf Heimaturlaub in Darmstadt kam er beim internationalen Waldkunstzentrum vorbei, keine Frage, dass er beim Waldkunstpfad mitmachen wollte.

Während die Themen in den vergangenen Jahren eher naturwissenschaftlich-technisch orientiert waren, hat Kuratorin Ute Ritschel dieses Mal mit dem Titel „Freiheit und Wildnis“ einen philosophisch-literarischen Ansatz gewählt. In ihren Installationen spielen die Künstler mit den Begriffen. Etwa ein Drittel der Projekte greift die Idee vom Leben in der Natur auf, ohne die Zwänge der Gesellschaft. „Eigentlich darf niemand im Wald leben“, sagt Ritschel. „Aber die Künstler können solche Grenzen überschreiten und uns unsere Träume erfüllen.“

Joan Backes aus den USA baut so ein Traum-Hexenhäuschen am Wegesrand. Der Wald ist für sie etwas Zauberhaftes. Es kann dort friedlich und befreiend sein, er hat aber auch eine furchteinflößende Seite. Ihr Häuschen wirkt daher zugleich anziehend und unheimlich, wie im Märchen von Hänsel und Gretel.

Das Material hat Backes im Wald gesammelt, die natürlich geschwungenen Äste geben dem Haus einen einzigartigen Charakter. Wie alle Künstler werkelt sie öffentlich, lässt sich von Spaziergängern und Nordic Walkern über die Schulter schauen. Das Waldstück, in dem Volker Eschmann und Jörg Gönner bauen, ist licht. Alte Buchen strahlen Ruhe aus. In einer wird die Strange Fruit schweben, die fremde Frucht. Das bohnenförmige Baumhaus erinnert an ein Vogelnest und ist aus Holz und Lehm. Darunter entsteht ein Tanzplatz, auf dem die Künstler ihre Performance zeigen. Wobei die geschliffene und lackierte Sperrholzplattform erst zum Tanzplatz wird, wenn die Künstler sie bespielen. Auch Yoga-Schüler oder Aikido-Kämpfer könnten darauf üben, finden die Tänzer. Sind die Kunstwerke fertig, werden sie den Waldbesuchern überlassen.

Die Ausstellungsstücke sind untrennbar mit dem Wald verknüpft. „Das ist keine Möbelkunst“, sagt Kuratorin Ritschel, die für jede Installation den perfekten Ort gesucht hat. Als Kulturanthropologin geht es ihr immer um etwas mehr als um ein einzelnes Objekt. Sie will Grenzen überschreiten, auch mit dem Ausstellungsort. In der Natur bekommt die Kunst eine besondere Qualität, wirkt anders als in einer sterilen Galerie. „Der Wald lädt ein, sich zu beruhigen und wahrzunehmen“, sagt Jörg Gönner.

Die Ambivalenz von Freiheit und Wildnis ist auch in der Strange Fruit zu finden. „Wenn ich in den Wald gehe, entsteht eine Spannung“, sagt Volker Eschmann. „Ich möchte an die Grenzen der Zivilisation geraten.“ Gleichzeitig besteht der Wunsch, den eigenen Lebensraum in der Natur zu definieren, sich einen Platz zu schaffen. Das Baumhaus ist Sinnbild dafür. „Alle werden sofort kreativ bei dem Gedanken“, sagt Gönner. Es ist nicht definiert wie ein Reihenhaus, hat kein Fundament aus Zement, keine geraden Wände. Wer hinein will, muss klettern. Dieser Anspruch ans Intuitive findet sich auch in der Performance wieder. Es gibt keine vorgegebene Form, jeder tanzt mit jedem, die Körper kommunizieren. Ein ständiger Fluss von Werden und Vergehen.

Auch die Installation wird wieder vergehen. Das Bohnen-Baumhaus besteht aus natürlichem Material, in luftiger Höhe wird es verwittern. „Es darf und soll zerfallen“, sagt Eschmann. Er will nur minimale Spuren im Wald hinterlassen. Die Buche wird nicht verletzt, man soll ihr ihren Gast in ein paar Jahren nicht mehr ansehen. Der Tanzboden könnte länger halten, vielleicht zehn Jahre, je nach Pflege. „Solange wie ihn Menschen haben wollen, wird es ihn geben. Wenn er nicht benutzt wird, verfällt er.“

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