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Tanz den Caligari

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Rund 200 Gäste schwingen auf der Mathildenhöhe zwischen „Dr. Mabuse“ und „Raskolnikow“ die Hüften.
Rund 200 Gäste schwingen auf der Mathildenhöhe zwischen „Dr. Mabuse“ und „Raskolnikow“ die Hüften. © Claus Völker

Zum Abschluss der Expressionismus-Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe wird das Institut zur Diskothek.

Dass ein Ausstellungsgebäude als Diskothek genutzt wird, ist nicht alltäglich. Doch der Abschluss der Ausstellung „Gesamtkunstwerk Expressionismus“, die seit Oktober 2010 auf der Mathildenhöhe zu sehen gewesen war, sollte auch etwas ganz besonderes sein. Dabei ist es recht bedauerlich, dass die Rampe für den Caligari-Film und all die anderen Dekorationen der spektakulären Expressionismus-Show auf den Sperrmüll wandern werden.

„Vielleicht hat die Idee ja etwas Wahnwitziges“, gibt Institutsleiter Ralf Beil zu, „aber heute wollen wir noch einmal Caligari frönen.“ DJane Vira, mit bürgerlichem Namen Elvira Weiß, aus der Frankfurter Brotfabrik hat am Samstagabend im Institut Mathildenhöhe eine Diskothek aufgebaut und von Hindemith bis House alles dabei, was in die Beine geht.

Überall laufen noch die Filme: „Mörder – Hoffnung der Frauen“ zittert direkt neben dem DJ-Pult; auf einem Video-Monitor tanzt Anita Becker den „Dr. Mabuse“, und nicht weit von „Raskolnikow“ kann man weiterhin „Die Straße“ sehen.

Aus den Lautsprechern dröhnt Tina Turner mit „Nutbush City Limits“, und die ersten Gäste bewegen sich im Takt. Sämtliche Hinweisschilder hängen noch. Nur die Kunstwerke sind verschwunden. Jakob von Hoddis’ Zeilen aus dem „Weltende“ vermischen sich mit Klängen aus „Maid of Orleans“ von Orchestral Manoeuvres in the Dark.

DJane aus Frankfurt heizt ein

Direkt hinter der Cocktail-Bar flimmert „Morgens bis Mitternachts“. Hier mixt Lucky Genios den Caligari-Cocktail mit Zutaten wie Havanna-Rum oder roter Lebensmittelfarbe und streut auf das Pfefferminzblatt ein geheimnisvolles weißes Pulver. An der Längswand hat Mouard Mouden vom A la Carte Pizza-Muffins und Cocktail-Spieße in Stellung gebracht. Man weiß auch hier, dass der kleine Hunger meist später kommt.

Auf Jahrmärkten führt Doktor Caligari den schlafwandelnden Cesare vor. Tatsächlich ist Caligari aber ein Verrückter, der Cesare für Verbrechen missbraucht. Als ein Kommissar ihm auf die Schliche kommt, landet dieser in der Klapse, und Caligari ist der Irrenarzt. Das ist der Stoff, aus dem Robert Wiene im Jahr 1920 einen Meilenstein des expressionistischen Films schuf. Am Ende war der Zuschauer völlig verwirrt.

So ähnlich könnte es einigen der 200 Gäste am Samstag gegangen sein. Denn die Party sollte nicht vor zwei Uhr in der Nacht enden, wie Astrid Becker vom Institut versprach.

Einige Besucher lümmeln sich mit Sektgläsern in der Mansarden-Nische von Ernst-Ludwig Kirchner – die ihnen während der gesamten Expressionismusausstellung versperrt geblieben war. Andere unterhalten sich an Stehtischen, die überall herumstehen.

Es ist ein buntes Völkchen aller Altersgruppen. Wo einst das Puppenstuben-Mobiliar aus dem Caligari-Film stand, blinkt jetzt eine Disco-Kugel; wo Lyonel Feiningers „Stadt am Ende der Welt“ ihren Schatten warf, tut dies nun ein kleiner Fünffingerturm. „Wir konnten nur heute feiern“, erläutert Ralf Beil, „jetzt erst sind die Bilder fort, und ab Montag beginnen die Arbeiten für die neue Ausstellung.“

Die Vernissage für „Serious Games – Krieg – Medien – Kunst“ soll bereits am 26. März gefeiert werden. Und wo heute der Film „Caligari“ läuft, werden dann zwei Hütten stehen. Kein Wunder, dass alle, die es sich einrichten konnten, am Samstag noch einmal den „Caligari“ tanzen wollten. (eda)

Die nächste Ausstellung im Institut Mathildenhöhe „Serious Games – Krieg – Medien – Kunst“ wird am 26. März um 18 Uhr eröffnet.

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