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Tagesmutter ohne Kinder

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Karin Hohlen ist seit 27 Jahren Tagesmutter.
Karin Hohlen ist seit 27 Jahren Tagesmutter. © Claus Völker

Seit die U 3-Betreuung in Darmstadt ausgebaut wird, hat Tagesmutter Karin Hohlen deutlich weniger zu tun. Bis zu fünf Kinder meist unter drei Jahren könnte sie betreuen, derzeit bleiben zwei Plätze frei.

Die kleine Hanna kommt zu Karin Hohlen ins Wohnzimmer gelaufen und holt sich ein paar Streicheleinheiten. „Zoey weint“, kommentiert die Zweijährige das Heulen, das vom Flur herschallt. Zoey wird dort gerade abgeholt. „Ja“, sagt Karin Hohlen und streicht der Kleinen über die Haare. „Zoey will nicht nach Hause, sondern bei Hanna bleiben.“

Ebbe nach der Kinderflut

So kann es gehen im Alltag der 61 Jahre alten Tagesmutter aus der Darmstädter Waldkolonie. Seit 27 Jahren betreut sie zu Hause Kinder, zum Großteil in einem Alter unter drei Jahren. Bis zu fünf Kinder finden bei ihr auf einmal Platz, und so viele waren bislang auch meist in ihrer Obhut. Doch seit Oktober hat sie zwei Plätze frei – und Schwierigkeiten, sie zu füllen. All die Jahre, so erzählt Karin Hohlen, habe sie keine Probleme gehabt, Nachwuchs zu bekommen. Voriges Jahr sei die Anfrage sogar riesig gewesen. „Ich hätte zehn Kinder nehmen können.“ Doch dann folgte auf die Kinderflut eine regelrechte Ebbe.

Im Oktober meldete sie bei der Tageselternvermittlung an, dass bei ihr ab Februar zwei Plätze frei werden. Normalerweise habe es ein paar Wochen gedauert, bis neue Kinder nachgerückt seien. „Diesmal ist gar nichts passiert.“ Auf Nachfrage habe es bei der Vermittlungsstelle geheißen, es gebe seit Sommer keine Nachfrage von Eltern mehr.

Karin Hohlen vermutet: Das liegt am Ausbau der Krippenbetreuung. Weil jede Menge neue Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren entstanden sind und noch entstehen, sinke der Bedarf an Tagesmüttern. Das glaubt auch ihre Kollegin Karin Schwab, die im selben Haus wohnt und seit 23 Jahren Tagesmutter ist. Und sie ergänzt: „Es liegt auch an der mangelnden Bekanntheit der Betreuungsart.“ Das Jugendamt als Ansprechpartner bei der Stadt habe den Tagesmüttern empfohlen, sich stärker miteinander zu vernetzen und aktiver Werbung zu machen. Anfang März soll es ein Treffen in der Heimstättensiedlung geben, wo es besonders viele Tageseltern gibt.

Zeitlich flexibl

An Pro-Argumenten für ihre Betreuungsleistung mangelt es den Tagesmüttern nicht: So könnten sie etwa zeitlich sehr flexibel sein. Auch entstünden durch die geringe Größe der Gruppe besondere Bindungen. Hohlen und Schwag finden, dass ihre Arbeit von der Stadt nicht genug wertgeschätzt wird. So würden sie in der Betreuungsplätze-Datenbank, die demnächst online gehen soll, nicht mal im Titel erwähnt. Da sei nur von Kitas die Rede.

„Ich habe immer so einen Eindruck, man hat bei Tagesmüttern Bedenken“, sagt Schwab. Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) widerspricht: Tageseltern seien ein wichtiger Baustein beim gesetzlich vorgegebenen Ausbau der U 3-Betreuung. Und Darmstadt erfülle die bundesweite Empfehlung: 70 Prozent der U 3-Plätze in Einrichtungen und 30 Prozent bei Tagesmüttern. 139 Tagespflegepersonen gebe es derzeit, rund 20 sind durch forcierte Ausbildung in jüngerer Zeit hinzugekommen.

„Die Lage ist entspannter, und das ist auch gut so“, befindet Akdeniz. Die Eltern hätten so mehr Wahlmöglichkeiten. Akdeniz betont, es gebe viele Eltern, die sich bewusst für eine Tagesmutter entschieden – auch ihre eigene Tochter war bei einer Tagesmutter. „Das ist auch vom pädagogischen Ansatz keine zweite Wahl“, sagt sie und verweist auf professionelle Qualifikationen und Zertifizierungen. Und was die neue Kita-Datenbank und den Stellenwert der Tageselternbetreuung darin angeht, ist sich die Sozialdezernentin sicher: „Da kriegen wir eine Lösung hin.“ (aw)

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