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Auf der Suche nach der Mitte

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Kein Hafen, dafür ein Landungsplatz. Das Foto zeigt das Rüsselsheimer Mainufer 1896.
Kein Hafen, dafür ein Landungsplatz. Das Foto zeigt das Rüsselsheimer Mainufer 1896. © Stadtarchiv

Die eigenwillige Position der Innenstadt ist historisch begründet.

Wenn Ernst Erich Metzner von Rüsselsheim sagt, diese Stadt sei eigentlich von Anfang an eine Fehlplanung gewesen, meint er das gar nicht böse, er stellt bloß etwas fest. Der Professor für Geschichte und leidenschaftliche Historiker ist nicht in Rüsselsheim geboren, lebt dort aber seit seiner Jugend, blieb willentlich und hat sich immer wieder für Rüsselsheim stark gemacht. Hinter Metzners Einschätzung steckt fundiertes Wissen um die Geschichte Rüsselsheims. Und so kann er auch die Sache mit der Fehlplanung schlüssig belegen.

Ausgangspunkt ist die Frage, warum das Stadtzentrum der 1437 gegründeten Stadt Rüsselsheim am Stadtrand liegt. Weil die Herren von Katzenellnbogen einen Plan hatten, der aber letztlich nicht durchgesetzt werden konnte. Sie hatten plötzlich Darmstadt und St. Goar im Griff und wollten nun dazwischen eine eigene Hafenstadt besitzen, um auf Rhein und Main Handel zu treiben.

Wer die schnurgerade Rheinstraße in Darmstadt und an deren Ende das Schloss vor Augen hat, mag nachvollziehen, wie man darin davon träumte, diesen Weg mit einem Schiff zurückzulegen. Dagegen ist der Traum von einem eigenen Mainhafen geradezu normal, erscheint fast banal. Was natürlich weder die konkurrierenden Handels- und Finanzleute in der Freien Reichsstadt Frankfurt, noch Adel und hoher Klerus in Mainz fanden. „Das Projekt wurde von vielen Seiten kleingeredet.“

Nun halten auch Herrschaftsansprüche nicht ewig, das Vorhaben zerschlug sich. Der Landungsplatz wurde bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zum Anlanden von Gütern genutzt. Aber eine bedeutende Hafenstadt ist Rüsselsheim nicht geworden. Und so wurde es auch nicht auf der anderen Seite weitergebaut.

Metzner verweist auf Frankfurt und Sachsenhausen, die zu beiden Seiten des Flusses blühten, mit einer Brücke verbunden und schließlich zu einer Stadt vereinigt. Dergleichen konnte hier also nicht entstehen. „Und so ist dies eine der ganz wenigen Städte, in denen man mit einem guten Steinwurf vom Rathaus bereits eine Stadtgrenze erreichen kann“, erläutert der Historiker.

Den Main am Rande statt im Herzen

Als Zentrum einer Kleinstadt den Main entlang taugte die alte Mitte. Rüsselsheim vom Main weg allein nach Süden zu erweitern, war nicht geplant. Seit es aber genau so wuchs, im Zuge der Industrialisierung durch Opel rasch und rascher, führte und führt die ursprüngliche Mitte der Stadt, deren Vorgängerdorf ja noch hinter der Festung versteckt war, zunehmend eine Randexistenz. Rüsselsheim hat den Main nicht in seinem Herzen, es endet dort. Dass es sich jetzt den Zusatz „am Main“ gab, ist für Metzner dennoch ein gutes Bekenntnis, verweist man doch so auf den Ursprung des Wandels vom Dorf zur Stadt.

Abermals warnt er bei dieser Gelegenheit davor, Adam Opel zum Stadtgründer zu (v)erklären. Die Stadtrechte seien fast fünf Jahrhunderte älter, Rüsselsheim als Amtsstadt von gewisser Bedeutung gewesen, bevor Groß-Gerau Sitz einer Bezirksverwaltung wurde.

Viel später habe man versucht, der inzwischen vom Fluss weg erweiterten und um Eingemeindungen (Königstädten, Haßloch, Bauschheim) gewachsenen Stadt eine neue Mitte zu geben, erinnert Metzner. Doch dieser „Treff“ kann eine solche Funktion nicht erfüllen. Er vereinigt zwar Theater, Stadt- und Jugendbücherei, Volkshochschule, Standesamt, Vereinsgebäude, Tanzschule, Restaurant, nach Zubauten auch Amtsgericht und ein Altenheim. Aber Handel und Wandel, Schaufenster als Einladung zum Flanieren sucht man in dieser neuen Mitte vergeblich.

Der Platz im Zentrum ist weitgehend Parkplatz, erschlossen und ebenso eingeschlossen ist das Ganze durch Hauptverkehrsstraßen. Die „autogerechte Stadt“, wie sie Planer der 60er und 70er Jahre haben wollten, lässt grüßen. Der „Treff“ ist bis heute nicht ans Netz des öffentlichen Nahverkehrs angeschlossen. (ers)

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