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Streit um Sonderschwimmzeiten für Frauen

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Im Burkini ins Schwimmbad – für manche Muslimin Alltag.
Im Burkini ins Schwimmbad – für manche Muslimin Alltag. © dpa

In Darmstadt gibt es unterschiedliche Meinungen zu Sonder-Öffnungszeiten in Bädern für Frauen. Das Parlament wird sich nach der Sommerpause mit dem Thema befassen.

Sollen Schwimmbäder zu bestimmten Zeiten nur von Frauen genutzt werden können? Der Landesausländerbeirat hat mit seiner Forderung eine Diskussion angestoßen – auch in Darmstadt gibt es dazu ganz unterschiedliche Meinungen.

In der Stadt bestehen derzeit keine Angebote speziell für Frauen. „Schwimmzeiten ausschließlich für Frauen sind in den Darmstädter Bädern derzeit auch nicht vorgesehen“, heißt es dazu bei der Pressestelle der Stadt. Der städtische Bäderbetrieb verfüge nicht über die dafür notwendige Anzahl an weiblichen Fachkräften. Schulen, Vereine und „die allgemeine Öffentlichkeit“ hätten in den Bädern Priorität.

Der Bedarf ist da, sagt Ümit Cengiz, Vorsitzender des Ausländerbeirats der Stadt. „Uns liegen von mehreren Vereinen Anfragen vor, ob es nicht möglich ist, spezielle Zeiten für Frauen in Darmstadts Bädern einzurichten.“

In Frankfurt längst üblich

Bedarf sieht auch Christine Schubart vom Sozialkritischen Arbeitskreis, einem freien Träger, der sich unter anderem um Kinder und Jugendliche aus Migranten- und Flüchtlingsfamilien kümmert. „Wir haben viele Mädchen, die nicht schwimmen können und die sich deshalb nicht trauen, in ein öffentliches Bad zu gehen“, erzählt sie. „Sie wollen sich nicht die Blöße geben.“

Ganz bitter sei es für muslimische Frauen, die überhaupt keine Chance hätten, Sport in der Öffentlichkeit zu praktizieren. „Einige Mädchen dürfen ja nicht einmal Radfahren“, sagt sie. Die Hürden, schwimmen zu lernen, seien für diese Mädchen unüberwindbar, solange es keine Frauen-Schwimmstunden gebe.

In Städten wie Frankfurt, Wiesbaden und Groß-Gerau sind spezielle Zeiten für Frauen in Schwimmbädern längst üblich. Nicht nur muslimische Frauen fühlten sich wohler, wenn sie sich in Schwimmbädern ohne Männer aufhalten können, heißt es beim Landesausländerbeirat. Immer wieder wird auch die Angst vor sexuellen Übergriffen als Begründung angegeben.

„Bislang gab es bei uns keine Beschwerden“, sagt dazu Norbert Krämer, Bademeister im Nord- und DSW-Bad. Ähnlich sieht es im Familienbad am Woog aus. Problematisch sei allerdings, dass viele Migranten im tiefen Becken ihre Schwimmkünste überschätzten. „Da müssen wir besonders gut aufpassen“, sagt Krämer.

Konflikte durch Ausgrenzung

Kritisch sieht die Darmstädter Therapeutin und Traumaexpertin Marika Eidmann, die unter anderem auch mit Flüchtlingen arbeitet, die Forderung nach separaten Schwimmzeiten. „Ich kann den Wunsch muslimischer Frauen verstehen, aber ich halte eine solche Maßnahme nicht für integrationsfördernd.“

Der gesellschaftlich-kulturelle Umgang von Frauen und Männern in Deutschland, die „hart erkämpfte Freiheit“ von Frauen, sich im öffentlichen Raum ungehindert zu bewegen und sich auf Augenhöhe zu begegnen, gehört für sie „zu unserer Kultur dazu“. Für die Integration und Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche von muslimischen Eltern sei es wesentlich, dass sie von gemeinschaftlichen Unternehmungen nicht ausgegrenzt sind. „Wenn diese Kinder gezwungen sind, dauerhaft den Spagat zwischen den Welten zu leben, enthält das ein nicht unerhebliches Konflikt- und Spannungspotenzial“, erklärt Marika Eidmann weiter.

Die Kritik, wonach die Geschlechtertrennung in Schwimmbädern von mangelnder Integration zeuge, findet Ümit Cengiz unangebracht. Integration müsse immer beidseitig sein: Migranten müssten sich auf die Gesellschaft zubewegen, die Gesellschaft müsse ihnen aber auch einen Schritt entgegenkommen.

Das Thema Frauenschwimmen wird Darmstadt noch beschäftigen. Nach der Sommerpause will Cengiz einen Antrag im Stadtparlament stellen. „Spezielle Zeiten für Frauen in Schwimmbädern bedeuten nicht einfach nur eine Abgrenzung gegenüber Männern, sie bieten Frauen einen zusätzlichen Freiraum“, betont der Vorsitzende des Ausländerbeirats. (hin)

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