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Start-up aus Darmstadt: Intelligente Roboter ersetzen menschliche Kontrolleure in Industrieanlagen

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Von: Claudia Kabel

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Marc Dassler mit den Robotern Spot (links) und Wallee rechts.
Marc Dassler mit den Robotern Spot (links) und Wallee rechts. © Rolf Oeser

Ein Start-up aus Darmstadt entwickelt intelligente Maschinen für Industrieanlagen in der ganzen Welt. Sie sollen die fehlenden menschlichen Fachkräfte ersetzen.

Darmstadt – Wenn Spot sich surrend aus seiner Dockingstation erhebt und losläuft, klackern seine „Tatzen“ auf dem Asphalt des Testgeländes in Darmstadt. Lampe und Kameralinsen auf dem Kopf erinnern an Augen, seine Bewegungen sind geschmeidig, er kann Hindernissen ausweichen, Treppen steigen, Böschungen erklimmen, seitwärts gehen, zehn Zentimeter hoch springen und sich sogar hinsetzen – wie ein Hund. „Nur Pfötchen gibt er nicht“, sagt Marc Dassler.

Zusammen mit drei anderen Informatikabsolventen der Technischen Universität Darmstadt und Informatik-Professor Oskar von Stryk hat er 2019 das Start-up Energy Robotics gegründet. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in Darmstadt 30 Mitarbeiter:innen deutschlandweit und ist auf dem Weg Marktführer in der intelligenten Robotik-Technik zu werden. Bereits jetzt sind sie nach eigenen Angaben „größter Betreiber von Robotern in der Öl-, Gas- und Chemieindustrie“.

Darmstadt: Intelligente Roboter bei Merck, Evonik, Shell und BASF im Einsatz

Mehr als 50 Roboter in 13 Ländern auf vier Kontinenten sind laut Unternehmen bereits im Einsatz und haben über 50 000 Inspektionstunden absolviert. Auch im Rhein-Main-Gebiet sind Spot, Wallee und ihre Genossen aktiv. Die Darmstädter Firmen Merck und Evonik Industries gehören ebenso zu den Kunden wie Shell, BASF und andere, sagt Dassler. Gebaut werden die verschiedenen Robotertypen – vierbeinig, auf Rollen oder als Drohne – in den USA, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz von Kooperationspartnern wie Boston Robotics und Exrobotics.

In Darmstadt bekommen sie von Energy Robotics ihr Gehirn: ein intelligentes Betriebssystem mit Steuerungs- und Autonomiesoftware, das mit einer Cloud verbunden ist, in der die Daten verarbeitet werden. Im Hub 31, dem Innovations- und Gründerzentrum in der Hilpertstraße, wird außerdem die Ausstattung der Roboter, also spezielle Sensoren und Instrumente, entwickelt. Dafür werden Prototypen im 3-D-Drucker hergestellt und getestet, bevor sie in Serie gehen, erklärt Dassler.

Innovation aus Darmstadt: Rund 150.000 Euro kostet ein Roboter

Die Ausstattung der rund 150.000 Euro teuren Roboter richte sich danach, was die Kunden brauchen. Außerdem werden die Maschinen, die über eine künstliche Intelligenz verfügen, für ihr jeweiliges Einsatzgebiet trainiert. „Über Fernsteuerung wird ihnen ein Rundgang einmal gezeigt, dann können sie ihn selbstständig wiederholen und dabei auch spontan Hindernissen ausweichen“, sagt Dassler.

Unternehmen aus der Chemie, Gas- oder Öl-Industrie setzen intelligente Roboter ein, um ihre Anlagen zu überwachen. Spot liest zum Beispiel Messgeräte ab und kann auf entfernte Objekte zoomen. In einer thermischen Abgasbehandlungsanlage von Merck überwacht er den Kühlwasserstand und stellt fest, ob sich Kondenswasser angesammelt hat. Außerhalb der Anlage kontrolliert er Rohrbrücken auf Anomalien. Er kann Defekte in Kabeln erkennen oder die Temperatur von Pumpenkomponenten mithilfe von Wärmebildkameras überwachen, heißt es im Testbericht von Merck.

Darmstadt: Fachkräftemangel in Industrieanlagen wird zum Problem

„Es gibt in solchen Anlagen ein Übermaß an Routineaufgaben“, sagt Dassler. Normalerweise übernehmen Menschen diese Tätigkeit – sind stundenlang mehrmals am Tag auf Kontrollgängen. Doch durch den Fachkräftemangel, der sich in den kommenden Jahren drastisch verschärfen wird, fehlen auch Kontrolleure. Zudem könnten Roboter kleinste Veränderungen an Gerätschaften über einen Zeitraum wahrnehmen und damit „vorausschauend prüfen“, auch würden sie im Gegensatz zu Menschen bei langweiligen, sich wiederholenden Tätigkeiten nicht in ihrer Aufmerksamkeit nachlassen, so Dassler.

Marc Dassler, Dorian Scholz, Alberto Romay und Stefan Kohlbrecher (v.l.) mit Spot auf dem Testgelände in Darmstadt.
Marc Dassler, Dorian Scholz, Alberto Romay und Stefan Kohlbrecher (v.l.) mit Spot auf dem Testgelände in Darmstadt. © ROLF OESER

Nicht nur wegen Personalmangels erfreuen sich Roboter zunehmender Beliebtheit, sondern auch wegen der Vermeidung von Gefahren für Menschen. Denkbar ist laut Dassler zum Beispiel, dass sie als „Last Man“ bei einem Störfall den Ausschalter einer Anlage betätigen, wenn das menschliche Personal bereits evakuiert wurde. „Das Unternehmen hat durch den Roboter immer Augen und Ohren vor Ort.“ Dassler und seine Mitstreiter – Dorian Scholz, Alberto Romay und Stefan Kohlbrecher – interessierten sich schon früh für Robotik, traten beim Robocup, dem weltweit größten Wettbewerb für intelligente Roboter im TU-Team „Hector“ an und wurden für ihre Pionierarbeit mehrfach ausgezeichnet. 2017 gewannen sie mit ihrem Roboter die internationale „Argos Challenge“ des französischen Öl- und Gasgiganten Total. „Dies war der allererste anerkannte Prototyp eines autonomen Bodenroboters, der komplexe Ferninspektionen und Überwachungsmissionen auf Öl- und Gasplattformen durchführen konnte“, sagen sie.

Darmstadt: Energy Robotics will ethische Werte einbringen

Dassler findet es wichtig, „dass Europa diese Entwicklung nicht China überlässt“, sondern dass „unsere ethischen Werte“ in die Entwicklung intelligenter Maschinen einfließen. In Deutschland sei man zu ängstlich wegen möglicher Risiken und zu zögerlich was Digitalisierung betreffe. Man riskiere, den Anschluss zu verpassen. Daran, dass Roboter bald aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind, hat Dassler keinen Zweifel: „Jetzt geht es um die Frage, ob wir in ein paar Jahren von einem chinesischen Roboter gepflegt werden oder von einem europäischen.“ (Claudia Kabel)

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