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Alles unter Kontrolle: Polizisten stellen auf dem Schulhof den bewaffneten „Amokläufer“.

Darmstadt

Stadtteilschule als „Tatort“

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Beamte des Polizeipräsidiums Südhessen üben in Darmstadt-Arheilgen das Szenario eines Amoklaufs mit einem bewaffneten Täter.

Eben noch war es ganz ruhig auf dem Gelände der Stadtteilschule. Doch innerhalb weniger Minuten wandelt sich das Gelände an der Grillparzerstraße in Darmstadt-Arheilgen zum fiktiven Tatort. Vor der Schule hält ein Bus. Zwei Männer steigen aus. Es ist 12:37 Uhr, als die ersten Schüsse zu hören sind. In der Schule hat sich offenbar ein Amoktäter verschanzt. „Markus hör auf, komm her!“ brüllt einer der Männer, der gerade aus dem Bus ausgestiegen ist. Aus der Schule hallt es zurück: „Rennt nur, ich krieg Euch sowieso!“ „Markus, geh an Dein Handy ran; lass uns abhauen, bevor die Bullen kommen!“, kreischt der Mann am Bus. Doch der Täter in der Schule hört nicht auf.

Für die südhessischen Polizisten, die am Dienstagmittag im Rahmen einer Übung alarmiert werden, ist die Ausgangslage unübersichtlich. Klar ist für sie nur: Es soll in der Schule geschossen worden sein und sie müssen nun zum Tatort fahren, ihre schusssicheren Helme und Westen anziehen, um vor Ort „sofort zu agieren“, wie Polizeisprecher Bernd Hochstädter erläutert.

Nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, als am Vormittag des 26. April 2002 ein 19-Jähriger 16 Menschen und dann sich selbst erschoss, wurde auch in Hessen die Polizeiausbildung reformiert. Während früher Streifenpolizisten zwingend auf ein Spezialeinsatzkommando warten mussten, erhalten Polizisten heute die notwendige Ausbildung und Ausstattung, um selbst unmittelbar gegen Amoktäter vorzugehen. So sind laut Hochstädter auch in Südhessen „Notinterventionsteams“ im Einsatz, deren Aufgabe es ist, „schnellstmöglich zu handeln“. Die Lehre von Erfurt sei gewesen, dass es „nicht vertretbar wäre, draußen zu warten, während drinnen ein Mensch nach dem anderen Menschen erschossen werde, sagt der Polizeisprecher.

Auch auf dem Gelände der Stadtteilschule feuert der „Täter“ weiter Schüsse ab. Es vergehen keine zehn Minuten, bis die ersten Beamten an der Schule eintreffen. Auf den Einsatz von Blaulicht und Martinshorn wurde jedoch ganz bewusst und auch aus Sicherheitsgründen verzichtet. Und auch nach der Ankunft am „Tatort“ müssen die Beamten erst ihre scharfe Munition gegen Platzpatronen tauschen. Das alles kostet Zeit. Doch gleich die ersten Beamten machen alles richtig, in dem sie die Männer am Bus festnehmen.

„Ich knall’ Euch alle ab!“, tönt es derweil aus der Schule. Wieder fallen Schüsse. Nach und nach treffen weitere Polizisten ein, die sich gegenseitig sichern und in das Gebäude eindringen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen, den Täter zu verfolgen und sich um bedrohte oder eingeschlossene Menschen zu kümmern. Nach einer halben Stunde sind rund ein Dutzend Polizisten am Tatort, die Lage aber weiterhin unklar. Zwei Personen wurden festgenommen, doch von der Tatwaffe fehlt jede Spur. Fünf Minuten später bricht Übungsleiterin Melanie Türk die Übung ab und lässt das Szenario – ohne Anfahrt – wiederholen.

Nach zwei Stunden ist Türk zufrieden und sagt, man habe etliche Abläufe simuliert und „ausreichend Erkenntnisse gewonnen“. Schließlich entfernen Polizisten wieder ein Absperrband, mit dem die Grillparzerstraße für die Zeit der Übung gesperrt worden war. Und aus dem „Tatort Stadtteilschule“ wird innerhalb weniger Minuten wieder das ruhige Schulgelände im Sommerferienmodus.

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