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Stadt Darmstadt zweifelt an Stau-Studie - „Falsche Statistik, die von falschen Voraussetzungen ausgeht“

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Von: Claudia Kabel

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Ist Darmstadt die staureichste Stadt Deutschlands? Eine Studie legt das nahe. Doch die Stadt sieht das anders.

Darmstadt - Kürzlich trat Darmstadt in einer Verkehrsstudie als eine der staureichsten Städte Deutschlands hervor. 47 Stunden verloren laut des Verkehrsinformationsanbieters Inrix Pendlerinnen und Pendler hier 2022 im Stau. Ermittelt wurde dies anhand von Geschwindigkeiten, die aus Mobilitätsdaten stammen.

Die Stadt sieht die Studie kritisch. Mobilitätsdezernent Michael Kolmer (Grüne) sagte der FR, es handle sich um „eine falsche Statistik, die von falschen Voraussetzungen ausgeht“, weil darin Tempo 30 als Stau gewertet werden würde. Dies sei nicht nachvollziehbar und aus Sicherheits- und Umweltschutzgründen anachronistisch, teilte auch sein Dezernat mit. Die Messmethode stehe im Widerspruch zu den verkehrspolitischen Zielen der Stadt. Es sei „kein Zeichen urbaner Qualität, wenn in einer Stadt der Kfz-Verkehr in der Rushhour ebenso schnell“ durchkomme wie nachts, was der Kernbetrachtungsweise der Inrix-Studie zugrunde liege.

Darmstadt: Staureichste Stadt Deutschlands? Zweifel an „Belastbarkeit“ von Inrix-Studie

Auch Axel Wolfermann Verkehrsexperte der Hochschule Darmstadt, die Studien zu Ampelassistenten und Pop-up-Radwegen in der Stadt begleitete, zweifelt an der „Belastbarkeit“ der Inrix-Ergebnisse, wie er der FR sagte. Es seien nicht alle Städte systematisch ausgewertet worden. Zudem hätten „alle Großstädte Verkehrsprobleme“. Dennoch bescheinigt er Darmstadt einige Problemfelder. Dazu gehöre, dass die Straßen eng seien und dass Knotenpunkte – also Kreuzungen – zu nah beieinander lägen. Dadurch sei die häufig geforderte „Grüne Welle“ kaum realistisch. Denn Fahrzeuge, die im Pulk an einer Ampel losfahren, werden bald durch abbiegende oder einparkende Fahrzeuge voneinander getrennt und die hinteren ausgebremst. Pop-up-Radwege, für die eine Fahrspur für den motorisierten Verkehr wegfällt, würden natürlich die Straßen verschmälern. Andererseits habe dadurch der Radverkehr im zweistelligen Prozentbereich zugenommen, so Wolfermann.

Im abendlichen Berufsverkehr auf der Kasinostraße kann es schon mal dauern.
Im abendlichen Berufsverkehr auf der Kasinostraße kann es schon mal dauern. © Michael Schick

Um das erklärte Ziel der Mobilitätswende zu erreichen, will die Stadt durch massives Ausweiten von Angeboten auf den kurzen und mittleren Wegen Anreize für den Umstieg auf umweltfreundliche Alternativen bieten und gleichzeitig mehr Platz auf Hauptverkehrsstraßen schaffen für diejenigen, die aufs Auto angewiesen seien. Dazu gehöre neben der Verbesserung der Radinfrastruktur der Ausbau des ÖPNV. Derzeit werde ein neues Straßenbahnkonzept eingeführt, dass längere Betriebszeiten, Taktverdichtungen und neue Direktverbindungen zwischen Stadtteilen und Innenstadt sowie zum Hauptbahnhof vorsehe. Die Lichtwiesenbahn und die geplante Straßenbahnstrecke in das Ludwigshöhviertel seien Beispiele. Auch der Busverkehr soll attraktiver werden. Außerdem sei ein flächendeckendes Carsharing-Konzept in Arbeit.

Verkehr in Kassel: Klimaticket, Ampelphasenassistent und mehr gegen Staus

Einen Anreiz zum Autoverzicht hatte die Stadt mit dem Klimaticket geschaffen. Dieses wird Menschen kostenlos für drei Monate zur Verfügung gestellt, wenn sie ihr Auto abmelden oder nach Darmstadt gezogen sind. Seit der Einführung im September 2022 wurden bis Jahresende laut Stadt 713 Klimatickets ausgegeben. Davon gingen 109 auf Autoabmeldungen zurück, der Rest auf Zuzüge.

Zudem sollen bald ein Ampelphasenassistent und die digitale Verkehrssteuerung den Verkehr besser fließen lassen. Das System auf Basis eines Echtzeit-Verkehrsrechners ist im Aufbau.

„Die Verkehrswende braucht ihre Zeit“, ist Wolfermann überzeugt. Einigen geht sie aber nicht schnell genug. Die SPD kritisiert, die Stadt müsse mehr tun, um die Pendlerproblematik gemeinsam mit der Region anzugehen. Hier sei die Verlängerung der Busspur am Ostbahnhof auf die B26 „eine der wichtigsten Maßnahmen zur Entlastung im östlichen Darmstadt“ und zur Verbesserung des ÖPNV-Angebots im östlichen Landkreis, sagt SPD-Landtagsabgeordneter Bijan Kaffenberger. Eine Anfrage an den hessischen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) habe aber ergeben, dass immer noch keine Planungsvereinbarung zum Projekt mit Hessen-Mobil abgeschlossen worden sei und es auch keinen Zeitplan gebe. Laut Stadt seien andere Projekte als wichtiger eingestuft worden – etwa der Neubau der Rheinbrücke und die Erneuerung der Nieder-Ramstädter Straße. (Claudia Kabel)

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