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Staatstheater inszeniert Lilien-Musical

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Von: Claudia Kabel

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Regisseur und Autor Martin G. Berger, Komponist Jasper Sonne, Lilien-Vize Markus Pfitzner und Intendant Karsten Wiegand (v. l.).
Regisseur und Autor Martin G. Berger, Komponist Jasper Sonne, Lilien-Vize Markus Pfitzner und Intendant Karsten Wiegand (v. l.). © Renate Hoyer

Das Staatstheater Darmstadt inszeniert ein Musical über den SV Darmstadt 98 und seinen ersten Aufstieg in die Bundesliga. Der Verein hat sogar daran mitgearbeitet.

Eigentlich hätte die Story um den Doppelaufstieg der Lilien, die Unterstützung des krebskranken Johannes Heimes, der Weggang von Trainer Dirk Schuster auf der Höhe des Erfolgs und seine aktuelle Rückkehr schon genug Stoff für einen Hollywood-Streifen geboten. Doch das Musical, das derzeit zum 120. Geburtstag des Darmstädter Sportvereins am Staatstheater Darmstadt inszeniert wird, wirft den Blick viel weiter zurück. In dem Stück unter dem Titel „Aus Tradition anders“ – Das Lilienmusical“ soll die Geschichte der Feierabendprofis aus den Jahren 1978/79 wieder aufleben, als der Verein zum ersten Mal in seiner Geschichte in die Erste Bundesliga aufstieg. 

Feierabend-Helden wie Torwart Dieter Rudolf, Mittelfeldrecke Manfred Drexler, Torjäger Peter Cestonaro und Gastspieler Bum-Kun Cha sollen wieder aufleben. „Damals versuchte man halb mit Amateur-, halb mit Profi-Spielern in der Ersten Liga zu bestehen, was zu diesem Zeitpunkt schon in der Zweiten Liga nicht mehr üblich war“, sagt Regisseur und Autor Martin G. Berger bei der Präsentation des Stücks am Donnerstag am Böllenfalltor. Berger und der Komponist des Musicals, Jasper Sonne, kommen zwar beide aus Berlin. „Doch aus der Distanz können sie besser riechen, was das Besondere des Vereins ist“, sagt Intendant Karsten Wiegand. 

Was denn diese „DNA der Lilien“ wirklich ausmacht, haben Berger und Sonne in Stadionbesuchen, in Gesprächen mit Fans und Verein, in historischen Berichten und alten Fernsehaufzeichnungen recherchiert. Sie fanden heraus, dass es in Darmstadt „spezielle eigene Strukturen“ gibt und dass der Lilien-Fan eine andere Form der Intensität von Liebe zu seinem Verein verspürt, die in dieser extremen Form überraschend sei, so Berger.

Echte und erdachte Charaktere

Sie trafen Fans, die sich schon vom „Langen Lui“ stürzen wollten, wenn es am Bölle nicht so lief und andere, die den Verein „wie ihre Mutter“ behandelten. Kennzeichnend aber sei für die Lilien das damals geborene „Experiment, sich gegen die komplette Kommerzialisierung zu stemmen, die eigene Herkunft nicht zu verraten und trotzdem oben mitzuspielen“, fasst Berger zusammen.

Entstanden ist ein Musical, in dem sowohl echte Charaktere von damals auftreten oder erkennbar sind, als auch erdachte. Im Zentrum der Handlung steht das Darmstädter Cabaret-Theater „Las Vegas“, das früher tatsächlich existierte - und im Stück zum Treffpunkt der Spieler wird, die teilweise tagsüber noch ihren Berufen nachgingen und erst nach Feierabend zum Training konnten. Sie waren Lehrer, Bankangestellte oder Studenten. 

Die erdachte Cabaret-Besitzerin „Fräulein Heiner“ – gespielt von einer waschechten Darmstädterin – führt die Zuschauer zurück in die 1970er Jahre und erzählt von der aufregenden Bundesliga-Saison der Lilien. Dabei geht es aber nicht nur um sportliche Ereignisse, sondern auch um die Geschichten aus dem privaten Umfeld der Mannschaft. Historische Eckpunkte werden dabei zu fiktiven Handlungssträngen ausgebaut, die sich auch mit Fragen beschäftigen wie etwa: Wie behandelt man Frauen? Wie geht die BRD mit ihrem Erbe um? Wie führt man einen Verein und wie viel Professionalität ist nötig? Teil des Musicals werden auch Einspielungen einer ZDF-Doku sein.

Darsteller müssen auch mal über den Rasen flitzen

Die musikalische Umsetzung durch das 24-köpfige Orchester und einen Chor bildet  eine Zeitreise durch Disko, Funk, Rock und Jazz. Aber auch alte Fangesänge sollen auf Anregung von Lilien-Anhängern mit einfließen, kündigt Sonne an. Konkret gehe es um einen umgedichteten Roy-Black-Schlager. 

Dass Berger kürzlich mit einem anderen Fußballstück Premiere feierte – und das ausgerechnet am Theater Augsburg – sei Zufall: „Ich folge Schuster nicht“, sagt der Regisseur. Mitte März sollen die Proben beginnen. Da das Casting noch nicht abgeschlossen ist, ist über die Besetzung noch nichts bekannt. Berger und Sonne planen, die 20 Darsteller auch mal über den Rasen zu jagen, „damit sie ein Gespür dafür bekommen“. 

Zwar hatte das Staatstheater die Idee für das Musical, doch das Stück entsteht in Zusammenarbeit mit dem Verein. „Wir waren sofort Feuer und Flamme“, sagt Vizepräsident Markus Pfitzner. Der Verein habe auch ein bisschen Input gegeben, aber man habe nie die Vereinsgeschichte nachzeichnen wollen. „Es wäre schön, wenn etwas von dem Herzblut, das Rauhe, Ungeschliffene der Darmstädter rüberkäme“, hofft Pfitzner. Ein schöner Effekt wäre es zudem, wenn Berührungsängste zum Theater abgebaut werden könnten. Intendant Wiegand verspricht: „Bei uns darf jeder rein. Auch in Jeans und Fanschal.“

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