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Spaziergang zu Schandflecken

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Der Kiosk zwischen Bahnhof und Maritim-Hotel soll wohl bald abgerissen werden.
Der Kiosk zwischen Bahnhof und Maritim-Hotel soll wohl bald abgerissen werden. © Roman Grösser

„Jeden Tag laufe ich an ungepflegten Stellen vorbei“, sagt Wasserturmbesitzer Albrecht Pfohl. Jetzt zeigt er die Missstände rund um den Bahnhof. Und seine Mängelliste scheint fast endlos.

Was für einen Eindruck müssen Leute haben, die das erste Mal nach Darmstadt kommen?“ Albrecht Pfohl ist Eigentümer des Wasserturms am Hauptbahnhof. Das denkmalgeschützte Gebäude wird als Atelier und Veranstaltungsort genutzt und steht in einer unwirtlichen Nachbarschaft. „Jeden Tag laufe ich an ungepflegten Stellen vorbei“, sagt Pfohl. „Vieles könnte man auf den Weg bringen, wenn man nur wollte“, so sein Vorwurf an die Stadt.

Sein Mängel-Rundgang beginnt am Mahnmal Güterbahnhof an der Bismarckstraße. Seit 2004 erinnert es an die Juden und Sinti, die von hier aus in den Jahren 1942 und 1943 deportiert wurden. Das Mahnmal wurde im Juli 2006 stark beschädigt, die Seiten des Glaskubus sind zerstört. Drumherum wächst Unkraut, überall liegen Papierreste, Pappschachteln, Flaschen und Dosen.

Was für Pfohl ein Schandfleck ist, ist für die Künstler zum Teil natürlicher Lauf der Dinge. Eine Begrünung sei ausdrücklich gewünscht, sagt Eva Bredow-Cordier von der städtischen Pressestelle. Die Pflege erfolge daher in größeren Abständen nach Absprache mit der Initiative Gedenkort Güterbahnhof. Auch die Beschädigungen sollen bewusst so belassen werden. Die Künstler wollen die Spuren der Gewalt in den Gedenkort einbeziehen.

Auf dem Weg zwischen Gedenkstätte und Bahnhof geht es die Bismarckstraße entlang. Eine marode Mauer begrenzt den Weg, rostige Stäbe und Nägel ragen heraus. An der Ecke zur Goebelstraße fallen überdimensionale Oberleitungsmasten auf, die die Sicht auf das denkmalgeschützte expressionistische Haus Goebelstraße?32 verdecken. Architekt Herrmann Schieker baute das dunkelrot geklinkerte Gebäude 1929 für den damaligen Bahnarzt.

Vernachlässigt und vergessen wirkt der Kiosk auf dem Platz zwischen Bahnhof und Maritim-Hotel. Seit Jahren steht er leer, auf dem Dach wächst Unkraut, der Putz bröckelt, die Fenster sind verriegelt. Er soll im Rahmen der Sanierung des nebenstehenden Tempelgebäudes abgerissen werden, heißt es von der Stadt. Vielleicht gibt es also bald eine Schandfleck weniger. Komplizierter erscheint die Lage beim gegenüber liegenden Brunnen aus Muschelkalk. Er ist mit Graffiti beschmiert und kaum mehr zu erkennen, weil große Äste ihn verdecken. Das Künstlerkoloniemitglied Heinrich Jobst hat ihn 1912 entworfen. Laut Pressestelle sollte er „im Rahmen der Brunnenunterhaltungsmittel“ saniert werden. Zunächst müssten jedoch die Kosten ermittelt und eingeplant werden. Wann also etwas passiert, ist unklar.

In privater Hand sind inzwischen die früheren Wohnungen für Bahnangestellte in der Schachtstraße. „Sie sind der Kulturstadt Darmstadt gänzlich unwürdig“, befindet Pfohl. 1926 wurden die drei Häuser von den Architekten Hans Kleinschmidt und Herrmann Schieker gebaut. Sie sind denkmalgeschützt und sollen als Beispiel des Ziegelexpressionismus dienen, tatsächlich wirken sie einfach nur heruntergekommen. Satellitenschüsseln kleben an Balkonen und Fahnenmasten, die Fensterläden sind vergammelt, und in den Wohnungen sei Schimmel, klagt eine Mieterin, die seit 22 Jahren dort wohnt. „Als wir eingezogen sind, war das hier tipptopp.“ Aber seit das Haus nicht mehr der Bahn gehöre, passiere gar nichts. Der Besitzer, die Immobilien Gruppe Deutsche Annington, sei nicht zu erreichen, der Hausmeister auch nicht. Denkmalpfleger Nikolaus Heiss bestätigt die Schwierigkeiten mit dem Eigentümer. Auch ihm gefalle die Entwicklung nicht, „aber es ist einfach niemand zu sprechen.“

Pfohls Mängelliste nimmt kein Ende. Der Spaziergang führt über die Bahngleise, bei ohrenbetäubendem Lärm bleibt er stehen: „Plakatwände überall, daneben ein gedankenlos hingestelltes Trafohäuschen“, sagt er. „Und das am repräsentativen Eingang zur Stadt.“ ( an)

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