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Tanztheater

Von der Sinnlichkeit alter Socken

Gebrauchte Unterwäsche unter den Sitzen der Zuschauer, faulig riechender Ostseehering im Staatstheater? Es soll eben streng riechen bei dem Tanzstück "Der dritte Sinn" von Christina Comtesse. Von Astrid Ludwig

Es soll stinken, so richtig übel und eklig. Christina Comtesse hat sich die Finger wund telefoniert. Überall in Schweden hat die Tanztheater-Choreografin angerufen, um "Surströmming" zu bekommen. Diese für Nichtskandinavier befremdliche und vermutlich gesundheitlich bedenkliche Fischspezialität, die der Schwede im Spätsommer erst zu sich nimmt, wenn die fauligen Gase den Deckel der Konservendose schon kugelförmig ausgebeult haben.

Ausverkauft, bedauert Comtesse, war der stinkende Ostseehering. Erst in Berlin bei einem Spezialitäten-Importeur wurde die Britin fündig. Liefern können die das Zeug allerdings erst in ein paar Tagen.

Zum Glück - zumindest für die ersten Nasen, die sich zum Riechtest in den Kammerspielen des Darmstädter Staatstheaters einfanden. Erspart bleibt ihnen Gestank an diesem Abend dennoch nicht. Christine Comtesse hat schließlich eine ausgesprochen britische Fantasie. "Ich habe mir stattdessen den Geruch von alten Socken anmischen lassen", freut sie sich über die Künste des nordrhein-westfälischen Duftherstellers, der die Aufführung sponsert.

Unter den Sitzkissen der Zuschauer will sie gebrauchte Unterwäsche deponieren lassen. Allerdings erst zur Premiere. Der Fußschweißgeruch wabert dagegen schon schwer und beißend nach wenigen Sekunden durch die Publikumsreihen. Wie muss da erst Surströmming sein?

"Der dritte Sinn oder Deflorage à froid" nennt die Engländerin das von ihr choreografierte Tanztheaterstück frei nach Motiven von Patrick Süskinds "Das Parfüm", das heute im Staatstheater Premiere hat. Comtesse will den dritten Sinn, eben den Geruchssinn, in ihre Inszenierung einbringen und wo läge das schließlich näher als bei dem Stück über den Wahn der Düfte und den besessenen Grenouille, der für den Duft der Frauen sogar mordet?

Doch wie riecht überhaupt eine blonde oder rothaarige Jungfrau oder auch der alte, erfolglose Parfümeur Baldini? Das hat Comtesse den Duft-Spezialisten überlassen, die eigens für die Inszenierung die olfaktorischen Effekte kreiert haben. Aber wie bringt man den Geruch möglichst schnell unters Publikum?

Die Choreografin, die übrigens auch Chemie studierte, hat ihre Helfer bei der Probe versammelt. Sie stehen mit Stoppuhr und Nasen bereit. Ventilatoren werden hinter dem Bühnenbild platziert, verschoben, neu justiert, Parfüm in den Luftstrahl gesprüht, genau gemessen wie lange der Duft von der Bühne bis zu den Stuhlreihen braucht und wie intensiv es riecht. So lange bis alle Versuchspersonen umwabert in einem Cocktail aus Rosen-, Pfefferminz- oder Citrusduft und einer Mixtur aus billigem Herrendeo nach Luft ringen. "Ich finde es schön, wenn sich der Geruch aus dem Bühnenbild heraus wie eine Welle anschleicht", sagt Comtesse, beruhigt aber: "So intensiv ist es bei der Aufführung nicht". Die Abstände zwischen den Düften sind größer, zwischendrin werden Gerüche auch neutralisiert.

An der Berliner Volksbühne hat sie "Der dritte Sinne" in ähnlicher Form 1996 aufgeführt. Das Publikum war begeistert. "Meine Lieblingsszene ist immer die, wenn die Zuschauer am Anfang wegen des fauligen Gestanks pikiert ihren Nachbarn anschauen", amüsiert sie sich. Eine Frau habe bei "Sürströmming" den Saal verlassen und sich übergeben müssen. "Aber sie kam wieder", betont Comtesse.

Der dritte Sinn, 30.1., 20 Uhr

(Premiere), weitere Vorstellungen

8., 14., 22., 25.2, Staatstheater

Darmstadt, Georg-Büchner-Platz 1,

Telefon 0 61 51 / 2 81 16 00

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