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Schwerer Kunstfehler

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Weil der Arzt im Jahr 2002 keinen  Kaiserschnitt wollte, ist ein Baby in Osnabrück bei der Geburt gestorben.
Weil der Arzt im Jahr 2002 keinen Kaiserschnitt wollte, ist ein Baby in Osnabrück bei der Geburt gestorben. © DPA

Nach einem Gerichtsurteil wegen fahrlässiger Tötung eines Babys im Mutterleib wird der Chefarzt der Gynäkologie-Klinik in Groß-Umstadt vom Dienst suspendiert.

Der neue und hochgelobte Chef der Gynäkologie am Kreiskrankenhaus in Groß-Umstadt ist gestern von seinem Dienst suspendiert worden. Landrat Klaus Peter Schellhaas (SPD), der für die Kreiskliniken zuständig ist, hat dies am Freitagnachmittag mit sofortiger Wirkung angeordnet. Der Mediziner war am Vormittag vom Amtsgericht Osnabrück in einem Verfahren wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 13?500 Euro verurteilt worden.

Als Oberarzt sei er dort im Jahr 2002 schuld gewesen am Tod eines Babys im Mutterleib, berichtet aktuell die Neue Osnabrücker Zeitung. Obwohl es Warnsignale bei der Geburt gegeben habe, weigerte sich der Arzt, einen Kaiserschnitt vorzunehmen.

Dies sei ein klares Fehlverhalten gewesen, stellten später Gutachter und in der Verhandlung schließlich auch das Gericht fest. An drei Verhandlungstagen hatte das Gericht versucht, mit Protokollen aus dem Kreißsaal, medizinischen Aufzeichnungen und vier Gutachten den Tod des Kindes aufzuklären.

Urteil nach acht Jahren

Offenbar starb das Baby an einer Nabelschnurkompression, wodurch die Sauerstoffversorgung abgeschnitten wurde. Das Kind erstickte im Mutterleib. „Die Eltern konnten sehenden Augen nichts machen, um das Kind zu retten“, zitiert die Zeitung die Nebenklage.

Die Anwältin der Eltern, die als Nebenkläger im Prozess aufgetreten sind, forderte zudem ein Berufsverbot, was das Gericht jedoch ablehnte. Der Facharzt habe sich bislang weder beruflich noch privat etwas zuschulden kommen lassen. Er habe die Situation im Kreißsaal völlig verkannt, hieß es von Seiten des Gerichts. In der Neuen Osnabrücker Zeitung kommt der angeklagte Mediziner zu Wort und zeigt sich betroffen: „Es tut mir wirklich sehr leid“, wird er zitiert.

Landkreis war nicht informiert

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg hat vom Verfahren gegen den Arzt in Osnabrück und dem Urteil nach eigenen Angaben erst durch Presseanfragen erfahren, so Landrat Schellhaas. „Das dem Urteil zugrundeliegende Geschehen bewegt uns sehr, und es ist zudem ein ernstzunehmender Vorgang, dass wir von diesem Verfahren nichts wussten.“

Der Landrat weiter: „Ich habe als Klinikdezernent umgehend gehandelt und bitte darum, durch das Verhalten eines Einzelnen das Kreiskrankenhaus in Groß-Umstadt nicht pauschal vorzuverurteilen. In Groß-Umstadt arbeiten engagierte Menschen zum Wohle der Patienten in der Region, und wir werden als Träger der Kreisklinik Groß-Umstadt alles dafür tun, damit das so bleibt.“

Wie gestern zu erfahren war, musste der Gynäkologe, mit dem die Klinikleitung einen „medizinischen Leuchtturm für Groß-Umstadt“ aufbauen wollte, bereits das städtische Klinikum Osnabrück verlassen – nicht jedoch wegen des Kunstfehlers von 2002, über den das Gericht jetzt urteilte. Zwischen dem Mediziner und seinem Chefarzt sei es damals zu „unheilbaren Zerwürfnissen und in der Folge zur Arbeitsverweigerung gekommen“, schildert die Neue Osnabrücker Zeitung. Dies habe eine fristlose Trennung nach sich gezogen. Der Arzt war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.( piz)

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