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Schüsse im Morgengrauen

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In diesem Haus wurde ein Ehepaar getötet, seine Tochter lebensgefährlich verletzt.
In diesem Haus wurde ein Ehepaar getötet, seine Tochter lebensgefährlich verletzt. © Karl-Heinz Bärtl

Jahrelang soll es in einem Reihenhaus lautstarken Streit gegeben haben. Die Situation eskaliert, es fallen Schüsse. Ein Ehepaar ist tot, die Tochter schwer verletzt. Ab Dienstag steht ein Nachbar wegen Mordes vor Gericht.

Der Mörder wartet im Dunkeln vor der Haustür. Er weiß, dass sein Opfer gleich rauskommt. Denn um diese Zeit, frühmorgens um vier, bringt Klaus T. in Babenhausen jeden Tag den Müll zur Tonne. Auch an diesem Freitag im April 2009.

Als Klaus T. (62) die Tür öffnet, ist es zu spät. Ohne zu zögern, schießt der Täter zweimal auf ihn. Der Überraschte stürzt panisch zurück ins Haus – der Mörder folgt ihm. „Was dann beginnt, ist so etwas wie eine Hinrichtung“, sagt Sebastian Zwiebel, Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt. Der Mörder hat alles minutiös geplant. Er ist gekommen, um die dreiköpfige Familie auszulöschen.

Ein Doppelmord und ein Mordversuch: Das ist die juristische Bilanz dieser Tat im Morgengrauen. Fast zwei Jahre danach beginnt am Dienstag der Prozess vor dem Landgericht Darmstadt gegen den Angeklagten Andreas D., dem Nachbar der Opfer. Der Staatsanwalt wird lebenslänglich fordern. Andreas D. (41) bestreitet die Tat. „Für uns kommt nur Freispruch in Frage“, sagt sein Anwalt Christoph Lang.

Der Angeklagte schweigt

Nicht nur aufgrund der Brutalität spreche man bei der Staatsanwaltschaft von einem „Jahrhundertfall“, sagt Sprecher Zwiebel. Er beschreibt die Tat, die selbst hartgesottene Ermittler erschaudern lässt: Am frühen Morgen vor knapp zwei Jahren feuert der Täter mit einer Pistole auf den Familienvater Klaus T. Ein selbstgebauter Schalldämpfer verhindert, dass die schlafende Ehefrau und die erwachsene Tochter davon geweckt werden. Denn sie sind die Nächsten.

Der Mörder weiß, wo er suchen muss. Er kennt jeden Winkel des Hauses – sein eigenes liegt spiegelverkehrt Wand an Wand. Im ersten Stock findet er Petra T. (58), er erschießt die Schlafende. Eine Treppe höher liegt Tochter Astrid (damals 37) im Bett. Mit zwei Schüssen tötet der Mörder sie – glaubt er.

Doch das viele Blut täuscht, Astrid überlebt. Nach Stunden kommt sie wieder zu Bewusstsein. Die Autistin kann nicht verarbeiten, was geschehen ist. Laut Zwiebel kauert sie stundenlang in ihrem Zimmer, traut sich nicht raus vor Angst, streift dann durchs Haus, entdeckt ihre getöteten Eltern, wischt Blut vom Boden auf. Erst einen Tag später wird sie schwerverletzt im Vorgarten gefunden. Aussagen kann sie bis heute nicht.

Während die Polizei den Mörder sucht, lebt der Angeklagte nebenan weiter. Familienalltag mit Frau und Kindern. Es dauert gut ein Jahr, bis die Beamten ihn auf dem Weg zur Arbeit festnehmen. Die Reaktion bei der Festnahme passt ins Profil: „Völlig emotionslos“, gibt Staatsanwalt Zwiebel wieder. Bis auf das Bestreiten der Tat schweigt der Angeklagte. Cool, abgebrüht, so beschreiben ihn die Ermittler.

„Er geht davon aus, dass wir ihm die Tat nicht nachweisen können“, sagt Zwiebel. Auch ohne Geständnis und Tatwaffe: 60 von der Staatsanwaltschaft geladene Zeugen und die Indizien reichten aus, betont er. Dem widerspricht natürlich die Verteidigung. „Die Indizienkette ist löchrig wie ein Schweizer Käse“, sagt Anwalt Lang. Sein Mandant sehe dem Verfahren gespannt, aber optimistisch entgegen.

In seinen Augen kein Hinweis auf die Schuld von Andreas D. sei der Besuch einer Internetseite. Die Ermittler sehen den Angeklagten belastet, weil von dessen Computer am Arbeitsplatz aus auf eine verdächtige Internetseite aufgerufen wurde, die Tipps zum Eigenbau von Schalldämpfern bot. Schwerer wiegen aber andere Indizien.

Die Polizei fand sie im Keller von Andreas D.: Schmauchspuren an einer Hose. Das sei auch eine Hose aus seiner Bundeswehrzeit, hatte sich der Angeklagte gerechtfertigt. 1990/1991 leistete er in Darmstadt seinen Wehrdienst. Doch die Analyse enttarnte diese Erklärung als Ausrede. „Die Partikel auf der Hose entsprechen nicht den Inhaltsstoffen der Bundeswehr-Munition von damals – aber der Munition, die bei der Tat verwendet wurde“, erklärt Zwiebel.

Das Motiv für den Mord war laut Anklageschrift Krach: lautstarker Ehestreit und nervige Alltagsgeräusche – zum Beispiel beim Müllrausbringen mitten in der Nacht. (loc)

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