Rüsselsheim

Ein Schritt nach dem anderen

Intensivklasse der Humboldtschule lehrt Flüchtlingskinder Basiswissen

Ambitionierte Arbeit für Integration von Flüchtlingskindern leistet die Rüsselsheimer Humboldtschule. Seit fast einem Jahr gibt es dort eine AG, in der sich unter der Anleitung Peggy LeBels Jugendliche für Flüchtlingsbetreuung stark machen. Schon seit ein paar Jahren existiert eine Intensivklasse, in der Giovanna Dolfi Zuwandererkinder unterrichtet, die bereits in ihren Herkunftsländern Schulen besucht hatten.

Sonja Chriske betreut nun, unterstützt von weiteren fünf Lehrerinnen, in einer zweiten Intensivklasse zehn bis 16 Jahre alte Flüchtlingskinder. Sie müssen teils traumatische Erlebnisse verkraften, und etwa ein Drittel sind Analphabeten. Sie können also in keiner Sprache lesen und schreiben. Rektorin Renate Pilgenröther, aber auch alle beteiligten Lehrerinnen sind dem Kollegium dankbar, dass es die Bewältigung dieser zusätzlichen Aufgaben mitträgt. Beherzt werden Lücken geschlossen, wenn eine Kollegin dort eingesetzt ist, wo noch vor einem Jahr kaum Bedarf zu erahnen war.

Die Schicksale der Flüchtlingskinder sind höchst unterschiedlich. Die meisten haben sich mit ihren Eltern nach Deutschland retten können. Skurriles und Trauriges liegen da dicht beieinander. In der Intensivklasse II gibt es beispielsweise laut Papieren Drillinge: Der eine ist zwölf, der zweite 13, der dritte 15 Jahre alt. Bei der Registrierung lief also wohl nicht alles mit der gewohnten deutschen Perfektion.

Traurig sind die Lebensumstände zweier anderer Kinder: Eines wartet auf seine Eltern, die auf der Balkan-Route steckengeblieben sind. Die Eltern eines anderen Kindes sind auf der Flucht beide ums Leben gekommen. Dennoch ist es nicht schutzlos: Eine hier lebende Nachbarsfamilie aus Syrien hat das Kind aufgenommen.

Keine exakten Lehrpläne

Klassenlehrerin Sonja Chriske unterrichtet ihrem ursprünglichen Auftrag gemäß auch noch die Sportklasse 5. Zudem absolviert sie eine Zusatzausbildung. Mit 15 weiteren Pädagogen lernt die Sport- und Englisch-Lehrerin im Schulverwaltungsamt, wie man Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Chriske hat unter anderem in den USA studiert und in der Türkei im Sportbereich der Touristikbranche gearbeitet. Sprachen sind ihre Leidenschaft, sie beherrscht unter anderem Türkisch und Russisch, gerade lernt sie Niederländisch. In den USA und in der Türkei erfuhr sie selbst, was es bedeuten kann, Ausländerin zu sein. Über das als starr geltende deutsche Schulsystem zu klagen, führe nicht weiter, sagt sie: „Diese Kinder sind da. Unsere Aufgabe ist es, sie aufzunehmen, auszubilden, zu qualifizieren und zu integrieren.“

Viele Schüler müssen erst lernen, dass man in Deutschland Bücher von links oben nach rechts unten liest und auf die gleiche Weise schreibt – und nicht umgekehrt, wie sie es gewohnt waren. 22 Stunden Deutsch-Unterricht erhält die Intensivklasse II pro Woche. Sonja Chriske lässt beim Zahlenlernen etwas Mathe einfließen, mit Farbenwörtern gibt es einen Tupfer Kunst, auch Erdkunde wird gestreift. Manche der jüngeren Kinder haben Probleme mit ihrer Feinmotorik, müssen noch lernen, einen Stift zu halten und zu führen, berichtet Chriske.

Noch gibt es keine exakten Lehrpläne für das Unterrichten von Flüchtlingen. Das lässt den engagierten Lehrkräften didaktisch-methodischen Freiraum. Sie wollen versuchen, Fortgeschrittene nach einem Jahr schleichend an Regelklassen heranzuführen. Andere wird man mit Geduld länger intensiv betreuen, bis sie fit sind und zum nachfolgenden Schuljahr die Regelklasse besuchen können, erklärt Chriske: „Schrittweise integrieren, voranbringen ohne zu überfordern, das sollte zum Ziel führen.“ (ers)

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