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Schriller Protest in Büttelborn gegen Müll aus AKW Biblis

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Von: Annette Schlegl

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Höhnisches Gelächter und Trillerpfeifen quittierten die Infos zur Deponierung des Bauschutts.
Höhnisches Gelächter und Trillerpfeifen quittierten die Infos zur Deponierung des Bauschutts. © Rolf Oeser

Wütender Widerstand der Bevölkerung in Büttelborn bei einer Infoveranstaltung zur Deponierung von minimal strahlendem Bauschutt aus dem Rückbau des AKW Biblis.

Vor der Tür des Volkshauses Büttelborn ist die Botschaft auf einem Traktoranhänger deutlich formuliert: „Bleibt mit dem Dreck weg“. Der „Dreck“ – das ist minimal radioaktiver Bauschutt aus dem ehemaligen Atomkraftwerk (AKW) Biblis, der auf die Deponie Büttelborn kommen soll. Drinnen kocht bei der Bürgerinformationsveranstaltung die Volksseele über: Immer wieder schrillen die Trillerpfeifen, als die Redner und Rednerinnen auf dem Podium das Prozedere erklären wollen.

Landrat kündigt Klageweg gegen Deponierung in Büttelborn bis zur letzten Instanz an

Vor allem Umweltministerin Priska Hinz bekommt harsche Worte zu hören. Die Enttäuschung ist groß, dass ausgerechnet eine Grüne die Deponierung in Büttelborn verteidigt. Worte wie „Abfalldiktatur“ und „Märchenstunde“ fallen, und Landrat Thomas Will (SPD) kündigt an, dass Kreis und Deponiebetreibergesellschaft alle rechtlichen Schritte bis hin zur letzten Instanz ausschöpfen werden.

Schon vor der Tür des Volkshauses Büttelborn war der Protest für jeden sichtbar.
Schon vor der Tür des Volkshauses Büttelborn war der Protest für jeden sichtbar. © Rolf Oeser

Das Regierungspräsidium Darmstadt will die SAVAG als Betreiberin der Deponie zur Annahme von 3200 Tonnen freigemessenem Bauschutt verpflichten, der in den kommenden Jahren beim Rückbau des AKW Biblis anfällt. Es geht um bis zu zehn Mikrosievert radioaktiver Strahlung – in erster Linie Kobalt-60 und Cäsium-137 –, die der Abfall nach der Dekontaminierung pro Einwohner und Jahr noch in sich tragen darf.

Angst vor Beschädigung der Transport-Behältnisse für den Bauschutt aus dem AKW Biblis

Wer 120 Bananen im Jahr esse, habe schon mehr als zehn Mikrosievert an radioaktiver Dosis zu sich genommen, zieht die Ministerin einen Vergleich – und erntet Gelächter und Trillerpfeifentöne. Der Bauschutt dürfe nicht für den Straßenbau verwendet werden. Das zeige, dass er nicht ungefährlich sei, meint die Bürgerinitiative „Büttelborn 21“ – auch wenn Veronika Ustohalova vom Öko-Institut von einem Risiko von eins zu einer Million spricht, dass jemand einen Strahlenschaden erleiden könnte.

Die Sorge ist groß, dass irgendwann in der Zukunft festgestellt wird, zehn Mikrosievert Strahlung seien doch nicht zu vernachlässigen. Außerdem könnten die Kunststoff-Bigpacks, in denen der Bauschutt angeliefert wird, beim Abladen beschädigt werden; Radioaktivität könnte dann austreten und ins Trinkwasser gelangen oder über die Luft verteilt werden, fürchten die Anwesenden. Die Deponie sei nach unten abgedichtet, beruhigt Jens Finkenstein vom Hessischen Umweltministerium. Die Bigpacks würden außerdem gleich mit einer mineralischen Schicht abgedeckt, wenn sie angeliefert werden.

Die hessische Umweltministerin Priska Hinz musste sich jede Menge Kritik gefallen lassen.
Die hessische Umweltministerin Priska Hinz musste sich jede Menge Kritik gefallen lassen. © Rolf Oeser

Der Zorn der mehr als 500 Menschen im Saal richtet sich auch gegen den Kreis Bergstraße. Das AKW Biblis sei seit elf Jahren stillgelegt, und der Kreis habe genug Zeit gehabt, eine eigene Deponie zu bauen. Stattdessen solle der „Dreck“ jetzt in den Nachbarlandkreis Groß-Gerau gekarrt werden zu einer Deponie, die den Einheimischen einst als Hausmülldeponie verkauft worden sei. „Da wird Untätigkeit belohnt“, sagt Armin Hanus, Sprecher der Bürgerinitiative.

Bauschutt soll nach Meinung der Gegner auf dem Gelände des Kernkraftwerks Biblis bleiben

Der Kreis Bergstraße habe in der Nähe von Mannheim eine Deponie, die nur halb so weit vom AKW entfernt ist. Das Argument, dass gesetzliche Richtlinien besagen, dass dieser Müll in Hessen bleiben muss, lassen die Gegner nicht gelten. „Gesetze kann man ändern“, rufen sie der Ministerin zu. Die Stadt Biblis habe jahrelang Gewerbesteuer eingenommen und auch 500 000 Euro Zuwendung bekommen vom AKW-Betreiber RWE. „Was kriegen wir, wenn in Biblis die Party vorbei ist?“, fragt ein Bürger.

Für viele ist es unverständlich, warum der Bauschutt nicht auf dem AKW-Gelände bleiben kann. „Castoren mit hochradioaktivem Abfall stehen für Jahrzehnte in einer Halle auf dem Gelände, aber Schwachstrahler sind dort nicht willkommen.“ Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (Grüne) erklärt, gesetzlich sei die Lagerung nicht vorgesehen, weil das „die Absenkung des Schutzmechanismus“ wäre. Eine Deponie sei wegen der Bodenbeschaffenheit und der Abdichtung ein sicherer Entsorgungsweg.

Die Antworten können die Menge an diesem Abend kaum zufriedenstellen. Ein Bürger präzisiert, was alle wollen: „Findet eine andere Lösung, sucht einen Ort, wo keine Menschen leben.“

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