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Schöner wohnen im Untergrund

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Links neben der Villa wird der Neubau einfach unter dem Garten versteckt.
Links neben der Villa wird der Neubau einfach unter dem Garten versteckt. © André Hirtz

Eine kleine Villa im Komponistenviertel erhält einen versenkten Anbau. Es handelt sich um eins der ungewöhnlichsten und aufwendigsten privaten Bauvorhaben jüngerer Zeit in Darmstadt.

Mit idyllischen Plätzchen ist Darmstadt nicht gerade überreich gesegnet. Im Komponistenviertel aber findet sich eins: der anmutige, von Rosen gesäumte Rasenplatz am Schnittpunkt von Richard-Wagner- und Heinrich-Rinck-Weg, der heute Elisabeth-Noack-Platz heißt.

Zur Idylle gesellt sich die Architektur. Da ist an der Südwestecke das Wohnhaus, das der einstige Stadtbaurat August Buxbaum für sich selber baute, daneben das gediegen und differenziert gestaltete „Landhaus Diefenthäler“, entworfen von Leonhard Schäfer. Die Südseite wird von einem malerisch gestaffelten Wohnhaus des Architekten Wilhelm Koban dominiert. Den Norden und Osten aber markieren zwei über Eck gestellte Villen von Jan Hubert Pinand – alles in allem ein Ensemble von städtebaulich beispielloser Qualität.

Um so verblüffter waren die Anwohner, als in diesem Jahr schweres Gerät aufgefahren, im Heinrich-Rinck-Weg ein gewaltiger Baukran aufgestellt wurde. Die schmale Gasse war dann monatelang gesperrt – was geschah da, bei Häusern, die sowohl einzeln wie auch als Gesamtheit unter Denkmalschutz stehen?

Kein Bebauungsplan vorhanden

Pinands putzige Villen sind nicht eben groß. Über nur einem Geschoss steigt bereits das hohe, von Gesimsen unterbrochene Walmdach empor. Bagger und Kran kümmerten sich um die nördliche Villa, Heinrich-Rinck-Weg 3. Die Baugenehmigung datiert vom 29. Juli 2013. Sie lässt Pinands Villa weitgehend unberührt, erlaubt jedoch einen straßenseitig platzierten Anbau von 77 Quadratmeter Nettonutzfläche, der als „Gästewohnung definiert“ ist: Zimmer, Küche, Bad.

Wie so oft in Darmstadt existiert auch für diese hochkarätige Wohngegend kein Bebauungsplan. So darf ein Architekt im Grunde machen, was er will, solange er nicht die Maße der Nachbarbebauung grob verletzt. Das ist hier offensichtlich nicht der Fall: Der Neubau wird nahezu komplett in der Erde versenkt. Oberirdisch wurden lediglich Garage und Treppenaufgang zur Villa erneuert. Gleichwohl handelt es sich um eins der ungewöhnlichsten und aufwendigsten privaten Bauvorhaben jüngerer Zeit in Darmstadt. Ein großer Teil des Gartens wurde stockwerkhoch ausgekoffert – östlich schließt sich an das neue Souterrain nämlich noch ein „Tiefhof“ an, ein ebenfalls unterirdisches Atrium, das dem Neubau Licht und Zugang ermöglicht.

Von Wasserbassins umspielt

Auf Gartenhöhe soll es später von Wasserbassins umspielt werden. „Da war viel Sorgfalt beim Tiefbau nötig, um die alte Villa abzufangen“, sagt Bauleiter Michael Kretzschmer. Er arbeitet für das Düsseldorfer Büro „pos4-Architekten“, das die Pläne für Neubau, Umbau und denkmalgerechte Sanierung der Pinand-Villa lieferte. Die sollte also nicht in die Grube stürzen. Nachteil des großen Aufwands: die vergleichsweise lange Bauzeit.

Erst im Frühsommer 2015 wird der neue Eigentümer, Alfred Kornfeld, das Altneuhaus beziehen können. Bis dahin ist noch viel zu tun. Die für den Garagenbau angeknabberte Bruchsteinmauer, charakteristisches Merkmal des gesamten Platzes, wird wieder vervollständigt, das Dach der Villa neu gedeckt, ihre Fassade renoviert, das Interieur entsprechend den Befunden des Denkmalschutzes restauriert. Zum Schluss soll ein kleiner Landschaftspark die Decke des Neubaus überziehen.

Kornfeld hat die Pinand-Villa von den Erben der früheren Eigentümer, der Familie Kurth, erworben. „Zu privater Nutzung“, wie Bauleiter Kretzschmer sagt. In der Nachbarschaft kursierten zeitweilig Gerüchte, Kornfeld wolle hier eine private Galerie betreiben – jener ähnlich, die sich die Familie Sander auf der Mathildenhöhe eingerichtet hat. Der Bauantrag, so teilt die städtische Pressestelle mit, lasse jedoch nicht auf ein solches Vorhaben schließen. (ers)

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