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Die gebürtige Frankfurterin Astrid Ratz-Coradazzi mit einem von mehr als 3000 Schmuckstücken: hier eine Silberkette von Franz Boeres.

Kultur

Schmucke Schätze im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

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    Andreas Hartmann
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Die Sammlerin Astrid Ratz-Coradazzi zeigt erstmals ihre hochkarätige Sammlung von erlesenem Jugendstilschmuck im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.

Darmstadt ist stolz auf seine Mathildenhöhe, die prachtvollen Bauten des Jugendstils, die vielen Künstler, Architekten und Designer, die hier vor gut hundert Jahren lebten und arbeiteten. Dem Hessischen Landesmuseum, das international bedeutende Bestände aus dieser Zeit besitzt, ist jetzt ein Coup gelungen: Zum ersten Mal überhaupt ist hier vom 10. Mai an eine erlesene Sammlung kostbaren Jugendstilschmucks aus Privatbesitz zu sehen.

Die Geschichte der Sammlerin, einer gebürtigen Frankfurterin, klingt wie ein Märchen, erfunden vom findigen Marketing einer großen Werbeagentur, zu schön, um wahr zu sein – und dabei stimmt sie doch, wie Astrid Ratz-Coradazzi selbst bestätigt: Mit sieben Jahren entdeckte die heute 47-Jährige ihr erstes Schmuckstück auf einem Flohmarkt in Neu-Isenburg. Von ihrem Taschengeld konnte sie die Schieberkette aus geflochtenem Frauenhaar damals nicht kaufen.

Heute ist sie Besitzerin einer gradezu märchenhaften, mehr als 3000 Stücke zählenden Sammlung – und ist doch keine schwerreiche Unternehmerin, sondern eine ganz normale Angestellte mit einer kleinen Wohnung im Rhein-Main-Gebiet, die nicht mit Unsummen, sondern mit viel Geduld und Gespür den handwerklich oft herausragenden Stücken nachjagt. Den Markt hat sie ständig im Blick.

Geduld bewies sie schon als Siebenjährige: Für ihr Objekt der Begierde, die Schieberkette mit Anhänger, verlangte der Händler mehr als 200 Mark. „Für mich damals unvorstellbar, jemals so viel Geld zu haben“, sagt sie. Ein paar Monate später entdeckte sie ebenfalls auf einem Flohmarkt einen Anhänger auf einer Pinnwand. Für wenige Mark schlug sie zu und fand noch mal etwas später eine passende Kordel. Beides hat sie neben anderem Schmuck vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Mit gekonnten Handgriffen setzt sie den Anhänger in Szene, lässt das Band zwischen ihren Fingern durchgleiten und zeigt die Details.

„Der Materialwert solcher Stücke ist ja nicht hoch“, sagt sie. „Selbst bei dem Silberschmuck sind das vielleicht fünf bis zehn Euro.“ Fasziniert hat sie immer schon die künstlerische Gestaltung, die Fantasie im Detail. Tragen würde sie solchen Schmuck niemals, wie sie sagt. Sie will ihn nur haben. „Als Kind war ich so stolz, weil ich Stücke besaß, die der reichste Scheich nicht hat, weil sie so unglaublich selten sind.“

Inzwischen weiß die Expertin: Von den meisten Entwürfen wurden mehrere Exemplare geschaffen, oft variiert mit verschiedenen Steinen und Farben. „Das waren aber höchstens Kleinstserien in einer Auflage von 20 bis 200 Stück.“ Vieles ist im Lauf von 100 Jahren durch Geschmacksveränderungen, durch Krieg und Benutzung verloren gegangen, einiges ist ganz einzigartig.

Tolles Fundstück: Diesen Anhänger konnte die Sammlerin mit Hilfe dieser alten Zeitschrift dem Künstler Fritz Möhler zuordnen.

Kostbar heißt aber nicht automatisch teuer: Während des Gesprächs mit der FR trudeln zwei Textnachrichten ihres Sohns ein. Er hat im Auftrag der Mutter bei Ebay erfolgreich zwei Broschen erworben, zu einer sehr moderaten zweistelligen Summe. Auch der Teenager kenne sich ziemlich gut mit Schmuckdesignern aus, sagt seine Mutter lächelnd. Und eine eigene Sammelleidenschaft hat er auch: Mineralien. Auch Astrid Ratz-Coradazzis Mann ist begeistert. „Er kennt mich ja nur so und war von Anfang an dabei“, sagt sie. Gemeinsam fahren sie oft weit, um seltene historische Zeitschriften oder Musterbücher abzufotografieren.

Im Lauf der Jahrzehnte ist die Sammlerin selbst zur Expertin geworden, hat ihren Blick an Zehntausenden von Ringen, Ketten und Broschen geschärft, viele längst vergessene Künstler wiederentdeckt und anonymen Stücken wieder einen Meisternamen gegeben.

Ihr Vorgehen gleicht nicht selten akribischer Detektivarbeit: Für jedes ihrer Schmuckstücke hat sie – sofern möglich – Punzen, Entwürfe und historische Abbildungen zusammengestellt. In vier Bildbänden, die sie mit ihrem Mann entworfen hat, zeigt sie all ihre Recherchen.

Mehr als 400 Stücke hat sie nun unentgeltlich dem Landesmuseum zur Verfügung gestellt. „Würden Sammler für jedes Stück, das sie verleihen, etwas verlangen, wäre bald gar nichts mehr zu sehen“, sagt Astrid Ratz-Coradazzi. Von Allüren oder Angeberei ist bei ihr kein Hauch zu bemerken, im Gegenteil: Sie spricht mit großer Bescheidenheit, will nicht im Vordergrund stehen.

Auch bei ihrer allerersten Ausstellung beobachtet sie das Tun des Kurators aus dem Hintergrund. „Ich finde es interessant, dass wir sehr unterschiedliche Herangehensweisen haben“, sagt sie, „Ich hätte die Schau zum Beispiel nicht ‚Alltagstauglich‘ genannt, sondern eher ‚Tragbar‘. So unterschiedlich sind die Perspektiven.“

Für sie ist diese erste Ausstellung eine Art Test. Ein bisschen zweifelt sie noch daran, dass die Schau ein Erfolg wird. „Ich bin gespannt, welche Reaktionen ich erfahre“, sagt sie. Eine Rückmeldung hat sie bereits vor der Eröffnung erreicht: Ulrike von Hase-Schmundt, Autorin eines absoluten Standardwerks zu Jugendstilschmuck, hat sich schon zur Vernissage angekündigt. Es wird die erste Begegnung zwischen Astrid Ratz-Coradazzi und der von ihr bewunderten Wissenschaftlerin sein, wie sie sagt. Es dürfte eine inspirierende Begegnung werden – für beide Seiten.

Die Schau „Alltagstauglich!“ ist ab Freitag, 10. Mai, bis zum 11. August im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, zu sehen.   Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 6 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sind frei. Onlinetickets können bereits jetzt unter hlmd.de gebucht werden. Das Hessische Landesmuseum ist dienstags, donnerstags, freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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