1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Schleuse wird zur Todesfalle

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Fische können die Schleuse nicht passieren.
Die Fische können die Schleuse nicht passieren. © Hans Dieter Erlenbach

Ein grausames Schauspiel ist Alltag am Kraftwerk an der Kostheimer Schleuse: Immer wieder verenden Fische, die von der Stömung erfasst werden und in die Anlage gelangen. Für die Meisten endet dies tödlich. Tierschützer und Fischer stellen nun Forderungen.

Wütend steht der stellvertretende Geschäftsführer des Verbandes hessischer Fischer, Günter Hoff-Schramm, vor dem Kraftwerk der Kostheimer Schleuse bei Ginsheim-Gustavsburg. Gerade hat ein Rechen wieder jede Menge Unrat aus dem Main nach oben gebaggert. Über ein Förderband wird der Dreck in einen Container geworfen. Nicht nur Blätter, Holzstücke und anderer Müll drohten sich vor dem Kraftwerk festzusetzen. Zwischendurch purzelt auch rund ein halbes Dutzend großer Fische in den Container. Einer zuckt noch mit den Kiemen, bei einem Aal hängt das hintere Teil nur noch an ein paar Fetzen.

Das grausame Schauspiel ist Alltag am Kraftwerk an der Kostheimer Schleuse. Hilfslos müssen die Fischer zusehen, wie jedes Jahr zehntausende Fische an dem Kraftwerk verenden. Winfried Klein, Öffentlichkeitsreferent des Sportfischerverbandes, fordert den Abriss oder zumindest die Stilllegung des Kraftwerks und verweist auf das Tierschutzgesetz. Nicht nur Fische, sondern auch tote Enten und Schwäne habe er schon im Abfall gefunden.

Starke Strömung als Problem

Das Problem ist die starke Strömung. Vor allem Fische, die über weite Strecken wandern, würden sich immer an der stärksten Strömung orientieren. Vor dem Kraftwerk ist das fatal, denn die Tiere werden regelrecht angesaugt und landen dann vor einem riesigen Rechen, dem sie wegen der großen Strömung nicht mehr entkommen können. Die Tiere werden von den Reinigungsrechen erfasst und die meisten von ihnen zerkleinert. Rund 70 Prozent der Fische, die das Kraftwerk bei Kostheim passierten, würden getötet, sagen die Fischer. Ein Durchkommen gebe es nur für kleinere Fischarten. Ein Versuch mit 1000 Aalen habe ergeben, dass nur knapp 100 die Schleuse und das Kraftwerk überwinden konnten. Die anderen verendeten.

Dabei hat der Verband der Sportfischer schon 2001 bei der Anhörung zum Planfeststellungsbeschluss auf genau diese Probleme hingewiesen und eine 16 Seiten umfassende Stellungnahme verfasst. Doch die verschiedenen Maßnahmen zum Schutz der Fische, die in die Planungen aufgenommen wurden, hätten den Sportfischerverband schließlich besänftigt, erzählen dessen Vertreter heute. Dass es zahlreiche Planänderungen gab, die vom Darmstädter Regierungspräsidenten genehmigt wurden, erfuhren sie angeblich nicht. Und gerade diese Veränderungen hätten zu den Problemen geführt. Das Darmstädter Regierungspräsidium (RP) wirft dem Betreiber der Anlage, den Stadtwerken Ulm/Neu Ulm, vor, für den Schutz der flussabwärts schwimmenden Fische bisher nichts getan zu haben. Deshalb seien den Stadtwerken jetzt enge Fristen gesetzt worden, um zu reagieren.

Laut der Auflagen von 2002 dürften laut RP maximal zehn Prozent der mainabwärts schwimmenden Fische in der Anlage hängen bleiben. Ziel sei es nun, einen fischökologisch sinnvollen Umbau zu erreichen. Die Stadtwerke Ulm/Neu Ulm betonen, alle Möglichkeiten zur Verbesserung stammten aus dem Bereich Forschung und Entwicklung und seien noch nicht umsetzbar. Zugleich ist von erheblichen Investitionen die Rede. Bereits die ergriffenen Maßnahmen hätten mehr als eine Million Euro gekostet.

Thomas Norgall vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) plädiert für einen Umbau der Kraftwerke und sieht die Lösung des Problems als bundesweite Aufgabe an. Dass dies so lange hinausgeschoben werde, liege in der Natur der Sache. „Fische schreien nicht“, sagt Thomas Norgall. hde

Auch interessant

Kommentare