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Schlaue Bachen fast ohne Feinde

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Wildschweine sind extrem fruchtbar – das ist ein Teil des Problems.
Wildschweine sind extrem fruchtbar – das ist ein Teil des Problems. © dpa

Winterzeit ist Wildschweinzeit. Überall im Wald, entlang Straßen und auf Wiesen, ist der Boden über Nacht frisch aufgewühlt. Die Schweine fühlen sich sozusagen pudelwohl. Und die Jäger sind überfordert.

„Das Wildschwein ist der Kulturgewinner in Deutschland“, sagt Thomas Schmalenberg (48) im Forstamt Dieburg. Wie viele Förster ist er zugleich Jäger. Da schlagen also zwei Herzen in seiner Brust: Hier der Blick auf den Wald und die Bäume, da aufs Wild. „Wobei die Wildschweine – anders als die Rehe – ja kein Problem für die Bäume sind; im Gegenteil. Sie vergraben zum Teil sogar die Eicheln und tragen so zu deren Verbreitung bei.“

Das Problem ist, dass die Wildschweinpopulation enorm zunimmt. „Milde Winter, jede Menge Futter übers ganze Jahr“, fasst der Jäger zusammen. Er ist im Forstamt Dieburg für den Jagdbereich zuständig. Gut die Hälfte von deren 5000 Hektar Waldflächen werden von den Förstern selbst bejagt; der Rest ist verpachtet. Und da hapert’s in manchen Revieren, wenn der Jäger nicht vor Ort wohnt, vielleicht nur am Wochenende mal Zeit hat, auf die Pirsch zu gehen.

Andererseits fällt es immer schwerer, überhaupt noch genügend Jäger zu finden. Sie müssen nämlich – neben der Zahlung für die Pacht – für Schäden durch Wildtiere auf benachbarten Äckern finanziell geradestehen. „Eine umgebrochene Wiese kostet zehn Cent pro Quadratmeter. Bei größeren Flächen kommt da gleich ein erheblicher Betrag zustande“, erläutert Schmalenberg. Noch teurer wird es, wenn die Schweine sich auf einem bepflanzten Acker die Bäuche füllen. Die Eichen- und Buchenmast nimmt zu, vielleicht begünstigt durch mildes Klima. Zu den vielen Eicheln und Bucheckern kommt der Mais für Biogasanlagen. Ein Schlaraffenland für Wildschweine.

Zudem: „Dummes Schwein ist das Falscheste, was man sagen kann. Vor allem die älteren Bachen, also die Muttertiere, wissen ganz genau, wo ihnen nichts passiert, bis hinein zu den Vorgärten am Stadtrand.“

Und dann gibt es noch das Jagdrecht, das viele Vorgaben macht. Muttertiere mit Jungen dürfen vom 1. Februar bis 15. Juni nicht bejagt werden. Schmalenberg: „Das versehentliche Erlegen von Muttertieren ist sogar eine Straftat. Die Jungen verhungern dann nämlich. Da hat die Jagd ihre ethischen Grenzen.“

Es muss also viel zusammenkommen, um ein Wildschwein erlegen zu können: die richtige Zeit im Jahr (vor allem Oktober bis Januar), eine Mondnacht für die gute Sicht. „Wenn dann alles passt, erwischt man gerade mal ein Tier aus der Rotte von   vielleicht 20 Tieren, der Rest ist danach für Tage verschwunden.“ Immerhin 120 bis 160 Wildschweine werden von den Förstern des Forstamts Dieburg jährlich erlegt. „Der Bestand ist ein Vielfaches höher“, seufzt Thomas Schmalenberg. „Eine Bache kann bis zu acht Frischlinge bekommen, zweimal im Jahr. Innerhalb eines Jahres kann so die Population um 600 Prozent steigen.“

Nutzt da das Jagen überhaupt etwas? „Wolf und Luchs sind ja leider nicht da“, antwortet der Förster. Die würden, auch über den Stress für die Schweine, den Bestand deutlich reduzieren. Der einzige Regulator – neben dem Jäger – ist die Straße. 777 Wildunfälle gab es 2014 im Kreis Darmstadt-Dieburg, so die Polizei-Pressestelle. 2015 war diese Zahl bereits im November erreicht. Drei Schwer- und 14 Leichtverletzte sind zu beklagen.

Die Kirrung, eine Lockfütterung im Winter, um die Tiere dort besser schießen zu können, ist übrigens in den Wäldern des Forstamts Dieburg seit Jahren verboten.

Was bleibt, ist die natürliche Auslese; die Hoffnung auf späten Schnee: „Schnee im März ist oft tödlich für die Frischlinge, die dann an Lungenentzündung sterben.“ piz

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