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Schießkino erregt die Gemüter

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Solche Stände sollen künftig durch das Schießkino ersetzt werden.
Solche Stände sollen künftig durch das Schießkino ersetzt werden. © Guido Schiek

Der Jagdklub Darmstadt will einen seiner Schießstände zum Schießkino umwandeln, um die Ausbildung und das Training für Jäger attraktiver zu machen. Anwohner befürchten "schwerste Beeinträchtigungen für Natur- und Wohnwert".

Der Jagdklub Darmstadt, mit 715 Mitgliedern nach eigenen Angaben der größte in Hessen, unterhält auf seinem von Hessen-Forst gepachteten Gelände im Westwald südlich der Rheinstraße Schießstände, um Ausbildung und Training für Jäger zu gewährleisten. Um dieses Training attraktiver zu machen, so der Vorsitzende Michael Hommel, plant der Verein, einen seiner Schießstände zu einem Schießkino umzuwandeln.

Das heißt, rechts und links des Schießstandes wird jeweils eine lange Mauer errichtet und das Ganze überdacht. Jäger und Sportschützen sitzen außerhalb dieses Tunnels und schießen aus etwa 65 Meter auf eine Leinwand, auf der ein Film Jagdszenen darstellt. Mit Computer- und Infrarot-Technik können Treffer genau registriert werden. Der Schütze sieht, ob er das Wild tödlich getroffen oder nur verletzt hat.

„Das ist ungemein wichtig, denn die Anforderungen an die Jäger werden immer höher“, rühmt Hommel den Vorteil der Technik. Da sich Wildschweine als intelligente Tiere längst an Hochstände gewöhnt hätten, gebe es jetzt wieder mehr Drückjagden. Dabei müsse der Jäger reaktionsschnell und sicher schießen können. Da Jäger bei Wildunfällen zu Fangschüssen verpflichtet seien, wolle man eine Anlage schaffen, bei der sie auch Schüsse aus kurzer Distanz üben könnten. In diesem Fall wird das zuvor an einer Stirnseite offene Gebäude mit einem Rolltor geschlossen.

Anwohner befürchten mehr Verkehr

Groß sind Befürchtungen von Anwohnern, die sich zu einer „Anwohnergemeinschaft Südliche Siedlung Tann“ zusammengeschlossen haben. Menschen in der Waldkolonie, im Pupinweg und der Siedlung Tann müssten mit „schwersten Beeinträchtigungen für Natur- und Wohnwert“ rechnen.

Finanzierung und Betrieb derartiger Einrichtungen seien nur bei einer Ausweitung der Nutzergruppen und einer Verlängerung der Schießzeiten wirtschaftlich möglich, argumentiert Baldur Greiner. Der Bildhauer wohnt mit seiner Frau, der Künstlerin Annegret Soltau, in der Nachbarschaft des Jagdklubs.

Derzeit nutzt der Verein seine Schießstände montags bis samstags an drei Tagen von 9 bis 18 Uhr abzüglich Mittagspause. Drei weitere Tage stehen sie Jagdausrüstern und Büchsenmachern von 9 bis 18 Uhr zur Verfügung. Sie nutzen sie für Kunden, die Waffen ausprobieren. Künftig sollen die Schießzeiten bis 22 Uhr dauern. Werde in einem geschlossenen Raum geschossen, sei keine Genehmigung nach der Bundesimmissionsschutzverordnung nötig, sagt Siegmund Kolb, öffentlich bestellter und vereidigter Schießstandssachverständiger.

Während die Anwohner erheblich mehr Verkehr durch die Ausweitung der Schießzeiten befürchten, rechnet Hommel mit allenfalls 15 bis 20 Schützen, die am Abend die Anlage nutzen. Jenseits der Verkehrs- und Lärmproblematik nehmen Greiner und Klaus Freiling, als Sportschütze selbst Mitglied des Jagdklubs, Anstoß daran, dass neben jagdlichem Schießen auch Schießen für jedermann möglich sei – mit Kampf- und Kriegsszenarien.

Verein braucht die Einnahmen

Hommel widerspricht: „Wir richten uns nur an Jagd- und Sportschützen. Es wird kein Jedermann-Schießen oder Paintball geben. Hier darf keiner Rambo spielen.“ Die Einnahmen aus dem Gästeschießen brauche der Verein, um seinen Anteil an der Sanierung des nicht mehr genutzten Trap- und Skeet-Geländes (Wurfscheibenschießen) zu finanzieren. Den Vereinsanteil beziffert er auf 250 000 Euro.

Das Schießkino würde nach jetziger Kalkulation des Vereins eine halbe Million Euro kosten. Um dies aufzubringen, wirbt er um Privatdarlehen und verspricht Anlegern eine Rendite von vier Prozent über fünf Jahre. Forstamtsleiter Hartmut Müller äußert sich skeptisch zu den Plänen. Hessen-Forst habe mit dem Verein einen Pachtvertrag mit eingeschränkter Nutzung: „Erweiterungen und Umbauten von Schießständen bedürfen einer öffentlich-rechtlichen Genehmigung, die es noch nicht gibt.“ (ryp)

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