1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Schiebelhuths Zeit ist um

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Stadt kümmert sich nicht um alte Künstlergräber.
Die Stadt kümmert sich nicht um alte Künstlergräber. © Roman Grösser

Die Langgässer-Gesellschaft sorgt sich um schützenswerte Grabstätten.

Karlheinz Müller, Vorsitzender der Elisabeth Langgässer-Gesellschaft in Darmstadt, traute seinen Augen nicht. "Ich kann das Grab von Pepy Würth auf dem Waldfriedhof nicht mehr besuchen. Es ist weg. Vor zwei Jahren war es noch da." Müller führt für seine Gesellschaft seit den 90er Jahren jährlich einmal zu Dichtergräbern in Darmstadt, im Wechsel über den Wald- und den Alten Friedhof.

Als er jüngst bei einer Führung am Grabe von Hans Schiebelhuth das kleine Schildchen entdeckte "Angehörige bitte melden, da Grab zum Einzug vorgesehen ist", da schwante ihm Übles: "Das darf nicht sein. Hans Schiebelhuth verschwinden zu lassen, das ist unmöglich." Zuvor war bereits vom Alten Friedhof das Grab des für Darmstadt wichtigen Dichters und Malers Karl Thylmann (1888-1916) entfernt worden.

Namen, die aufhorchen lassen

Alle drei Namen lassen aufhorchen. Pepy Würth (1900-1948), Dichter und Verleger, war 1915 Mitbegründer der legendären Darmstädter Dachstube, aus der später die expressionistische Zeitschrift Das Tribunal hervorging, an der zum Beispiel Carlo Mierendorff, Theodor Haubach und Kasimir Edschmid mitwirkten. Als Müller bei der Friedhofsverwaltung nachfragte, wie die Auflassung seines Grabes geschehen konnte, hörte er: "Seine Zeit war abgelaufen." Hans Schiebelhuth (1895-1944), dem posthum 1947 der Georg-Büchner-Preis zuerkannt wurde, ist bis heute geschätzter Vertreter der expressionistischen und neodadaistischen deutschen Dichtkunst.

Wie kann in Zukunft solch ein Verlust der Sepulkralkultur verhindert werden, fragt Müller. Zudem handele es sich doch um Köpfe, die für die Darmstädter Kultur- und Kunstszene bis heute Ikonencharakter hätten. "Man kann ja einen Ehrenhain aufbauen, aber grundsätzlich bin ich immer für die Erhaltung der Originalgräber. So was wie bei Würth und Thylmann, das hätte nicht passieren dürfen! Aber das Friedhofsamt - woher sollen die das wissen?"

Damit kommt man zum Kern des Problems: dem Wissen um schützenswerte Grabanlagen. "Der einfachste Weg wäre doch, eine Liste wichtiger, zu erhaltender Gräber anzufertigen, die einfach nicht verschwinden dürfen", fordert Müller. Das sieht im Grundsatz auch Doris Fath, Leiterin des Grünflächenamtes, so: "Aber das muss politisch entschieden werden." Kulturpolitisch, wäre hinzuzufügen.

Die Praxis der Friedhofsverwaltungen steht einem würdigenden Umgang mit alten Künstlergräbern bis heute entgegen. Fath: "Wenn niemand reagiert, wenn weit und breit niemand da ist, der sich ums betreffende Grab kümmert, dann geben wir es auf. Wir haben keine Chance, es zu erhalten. Und das ist keine Platzfrage. Den haben wir auf den Friedhöfen genug."

Jedes Thema ist bestimmt vom Geldmangel, der Umgang mit Künstlergräbern macht keine Ausnahme. Oberhalb des gesetzlichen Rahmens der "Verkehrssicherungspflicht", also der Beachtung der Sicherheit rund ums Grab, gehe, so Fath, nichts mehr. "Wenn Investitionsbedarf die Grabpflege belastet, dann wird's schwer." Dann würden Gräber auch abgebaut, obwohl Denkmalschutz und Kulturamt in den Prozess involviert seien. Fath: "Die Haushaltslage lässt nichts anderes zu."

Fath sieht den Ausweg nur im Bürgerengagement. "Wenn jemand bei der Friedhofsverwaltung anruft und sagt, er möchte sich um ein Grab künftig kümmern, dann wird das ganz unbürokratisch akzeptiert." So gesehen muss Hans Schiebelhuth also keinesfalls "verschwinden". (phg)

Auch interessant

Kommentare