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Typische Funde nach einem Gang mit der Sonde.
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Typische Funde nach einem Gang mit der Sonde.

Südhessen

Schatzsuche mit der Sonde: Hobby am Rande der Legalität

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Nach Wohnungsdurchsuchungen bei zwei Sondengängern, die im Kreis Groß-Gerau suchten, warnt der Darmstädter Bezirksarchäologe Thomas Becker vor verbotener Suche nach Bodendenkmälern. Doch das Hobby erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Die Sondengänger-Union fordert eine „Babyklappe“ für Funde.

Gerade in Pandemiezeiten erfreut sich die Suche nach vermeintlichen Schätzen im Boden zunehmender Beliebtheit. Man trifft Menschen mit Metalldetektoren an Stränden von Baggerseen, wo sie nach verlorenen Euro- und Centmünzen suchen, auf Spielplätzen, wo Eltern mit ihren Kindern unterwegs sind, und oftmals finden sich auch an historischen Plätzen die Spuren der Hobbyschatzsucher: die Löcher, die sie mit ihren Spaten hinterlassen haben. In Internetforen präsentieren die Sondengänger und -gängerinnen stolz ihre Funde und tauschen sich über die erfolgversprechenden Orte aus.

Für Archäolog:innen und ernsthaft an der Historie Interessierte ist dies aber ein großes Ärgernis, wie der für Südhessen zuständige Bezirksarchäologe Thomas Becker vom Hessischen Landesamt für Denkmalpflege der Frankfurter Rundschau sagt. „Das Hobby nimmt immer mehr zu“ – und wenn Bodendenkmäler das Ziel der Sondengänger:innen seien, „ist es, als würde man ein Streichholz in ein Archiv werfen“.

Für Archäologen und Archäologinnen nämlich sind nicht nur die gefundenen Objekte von Interesse sind, sondern auch der Kontext, in dem sie in der Erde ruhen. „Unser Ziel ist nicht das Ausgraben“, erläutert Becker. Der Denkmalschutz gebe ganz klar vor, dass „die Spuren menschlichen Lebens im Boden erhalten werden sollen“, da jede Ausgrabung sie zerstöre. Zudem seien vielleicht in 100 Jahren die wissenschaftlichen Methoden viel besser, etwa um Funde zu konservieren oder zu untersuchen. Deshalb würden aktuell nur dort Ausgrabungen vorgenommen, wo sie wegen drohender Bebauung gefährdet seien.

Grabungen müssen genehmigt werden

Laut Hessischem Denkmalschutzgesetz sind deshalb Grabungen auf der Suche nach Bodendenkmälern genehmigungspflichtig. Zudem benötigt man die Erlaubnis der jeweiligen Grundstückseigentümer:innen, um dieses mit einer Bodensonde abzusuchen. Obendrein müssen vermeintliche Schätze wie Waffen, Werkzeuge, Schmuck und Münzen, aber auch Dinge des alltäglichen Lebens unverzüglich gemeldet werden. Verstöße gegen das Denkmalschutzgesetz können mit einem Bußgeld von bis zu 25 000 Euro geahndet werden.

Ermittlungen gegen zwei Sondengänger

Sondengänger:innen schrecken solche Strafen aber nicht ab, wie ein aktueller Fall zeigt. Kürzlich wurden auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft Darmstadt die Wohnungen von zwei Männern aus dem Kreis Groß-Gerau und dem Kreis Mainz-Bingen durchsucht. Die beiden 46 und 50 Jahre alten Männer sollen laut Polizei seit April 2020 mehrfach in der Nähe eines Modellflugplatzes auf einem Feld bei Trebur (Kreis Groß-Gerau) nach Bodenschätzen gesucht haben. Zeugen hätten sie beobachtet, wie sie mittels Metalldetektor und Spaten Ausgrabungen getätigt haben. Die Polizei stellte bei ihnen „zahlreiche Münzen, alte Werkzeuge und Metallstücke jeglicher Art“ sicher.

Wenn ich nur wüsst’, was drunter ist …: Sondengänger in Aktion.

Diese Beweismittel würden derzeit bewertet, teilte Oberstaatsanwalt Robert Hartmann der FR mit. Es bestehe der Verdacht der Unterschlagung, der Geldstrafen oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vorsehe.

Bezirksarchäologe Becker vermutet bei den illegalen Schatzsucher:innen „eine Art Jagdtrieb“; es gehe ihnen vor allem ums Finden und Besitzen. Dass sie damit jedoch die Gesellschaft schädigten, sei vielen nicht bewusst. Anders sehe dies bei Personen aus, die mit dem Denkmalschutz zusammenarbeiten und auch über eine sogenannte Nachforschungsgenehmigung verfügen. In Südhessen sind dies laut Becker etwa 70 Personen.

Rechtslage

Nachforschungen , insbesondere Grabungen, mit dem Ziel, Bodendenkmäler zu entdecken, bedürfen laut Hessischem Denkmalschutzgesetz der Genehmigung der Fachbehörde. Unter dem Begriff „illegale Nachforschungen“ versteht das Landesamt für Denkmalpflege alle nicht genehmigten Aktivitäten, die geeignet sind, archäologische und paläontologische Bodendenkmäler zu gefährden.

Eine besondere Rolle spielt die Schatzsuche samt ungenehmigtem Einsatz von Metallsonden und anschließender Bergung von Metallfunden aus dem Boden. Da vorab nicht klar ist, was man ausgräbt, können Bodendenkmäler aus ihrem Zusammenhang gerissen werden. Bodendenkmäler sind Kulturdenkmäler, die Zeugnisse menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Lebens von wissenschaftlichem Wert darstellen und im Boden verborgen sind oder waren oder aus urgeschichtlicher Zeit stammen.

Verstöße werden mit Bußgeld bis zu 25 000 Euro geahndet. Bei Sachbeschädigung, Diebstahl, Unterschlagung oder Hehlerei sind Geld - oder Freiheitsstrafen fällig. Benutzte Geräte werden eingezogen, illegal geborgene Funde beschlagnahmt.

Um mit gutem Gewissen per Metallsonde unterwegs zu sein, bedarf es also einer Nachforschungsgenehmigung. Diese können Menschen mit archäologisch-historischem Interesse beim Landesamt für Denkmalpflege beantragen. Nach einem Probejahr, in dem sie nur ohne Sonde suchen dürfen, und Weiterbildungskursen erhalten sie die Genehmigung für ein bestimmtes Gebiet. Einmal im Jahr müssen sie ihre Funde vorlegen. cka

Einer von ihnen ist Jörg Lotter vom Verein Terraplana – Gesellschaft für Archäologie im Hessischen Ried. Der 68-Jährige investiert rund 1000 Stunden jährlich in sein Hobby. Er geht die Areale systematisch ab und braucht für einen Hektar etwa vier Tage à acht Stunden. Doch nur wenn man Reihe für Reihe ablaufe, könne man sicher sein, nichts übersehen zu haben. Die meisten Dinge, die man finde, seien Unrat: Silberpapierchen von Schokolade, Kronkorken, Schrotkugeln. Auf Euromünzen stößt er ebenfalls, auch alte Münzen kämen relativ häufig vor, allerdings hätten illegale Sucher die Böden schon regelrecht leer gefegt.

Römische Theatermaske und eine VW-Achse

Der spektakulärste Gegenstand, den Lotter bislang fand, war eine römische Theatermaske aus Ton, die er in einer Baugrube in Groß-Gerau entdeckte. Sie ruhe jetzt im Museum der Saalburg, sagt er. Auch einen alten Kanonenofen und die Achse eines VW-Käfers habe er schon gefunden.

Für jede Stunde auf dem Acker sitze er eine weitere am Computer, um seine Funde in Karten einzutragen. Die Fundstellen hält er per GPS-Gerät fest, so dass sie sich genau zurückverfolgen lassen. Einmal im Jahr legt Lotter dem Landesamt für Denkmalpflege seine Funde vor. Dieses könne dann innerhalb von drei Monaten einen Anspruch darauf anmelden. „Manches Fundstück ist total unspektakulär und wird erst von Experten erkannt und bekommt im Zusammenhang mit dem Fundkontext einen Wert.“

„Die Szene ist inhomogen“

Für Jens Diefenbach hingegen, der einen Onlineshop für Metalldetektoren betreibt und bereits ein Buch über die Schatzsuche mit Metallsonden geschrieben hat, macht der Denkmalschutz einen Riesenfehler: „Es ist ein Versäumnis der Archäologen, dass es kein vernünftiges Meldewesen gibt“, sagt er der FR. Viele Sondengänger:innen kämen in einen großen Zwiespalt: Einerseits sei es wichtig, Funde zu melden, andererseits hätten viele Finder:innen Angst vor Strafen. Außerdem könne man nicht davon ausgehen, dass jede:r nach archäologischen Gegenständen suche. „Die Szene ist inhomogen“, sagt Diefenbach. Die einen wollten einfach Spaß mit ihren Kindern haben, andere suchten nach Euromünzen, und vielen, die nach Überbleibseln aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht hätten, müsse man dankbar sein, da durch sie die Landschaft weitgehend frei von Munition und Blindgängern sei.

Außerdem holten Sondengänger:innen zum Beispiel alte Münzen aus den Ackerböden und retteten sie so vor der Zerstörung durch Landmaschinen, Dünger und Umweltgifte. Diefenbach findet, Archäolog:innen übersähen offenbar, dass Metalldetektoren je nach Bodenbeschaffenheit nur in eine Tiefe von 20 bis 35 Zentimetern reichten. Also nicht tiefer als ein Pflug.

Sondengänger-Union fordert „Babyklappe“

Das Problem ist die Grauzone: Sondengehen ist per se nicht verboten, nur das Suchen und Graben nach Bodendenkmälern. Doch wer kann schon beweisen, dass er lediglich auf Euromünzen erpicht ist? Die Deutsche Sondengänger-Union (DSU) mit Sitz in Königstein im Taunus fordert eine Entkriminalisierung der Sondengänger:innen und die Einrichtung einer elektronischen „Babyklappe“ für gefundene Kulturdenkmäler. DSU-Präsident Axel Thiel von Kracht, auch er hat nach eigenen Angaben eine Nachforschungsgenehmigung und meldet jährlich etwa 200 Funde, schlägt im Gespräch mit der FR eine Datenbank vor, in der Schatzsucher:innen ihre Funde und die Fundorte eintragen könnten. So werde es in den Niederlanden und England gehandhabt.

Die DSU hat etwa 1000 Mitglieder. Die Community aber sei deutschlandweit seit 2007 von 30 000 auf 100 000 Sondengänger und Sondengängerinnen gewachsen, schätzt Thiel von Kracht. Er sei überzeugt, dass der Großteil von ihnen die Funde in einer Datenbank melden würde. „Damit würde man seine Funde auch legalisieren.“

Bezirksarchäologe Becker hält indes nichts von einer solchen Datenbank. Erstens müssten alle Einträge auf ihre Echtheit überprüft werden, zweitens sei nicht nur der Gegenstand wichtig, sondern auch der Fundort sowie die Art, wie etwas gefunden wurde. Er wolle mit den Menschen ins Gespräch kommen, sagt Becker. Wer ihn aufsuche und ihm von seinen Funden berichte, den werde er nicht nachverfolgen. „Denn derjenige will ja mit uns zusammenarbeiten.“

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