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Darmstadt

Schatten der Erinnerung

Zwei Darmstädter Studentinnen helfen Demenzkranken, sich zu erinnern - mit Buntstiften und Fotokopien.

Auf den vergrößerten Schwarzweiß-Porträts, die Sonja Falke und Cindy Ziergiebel vorbereitet haben, erkennen sich nicht alle Dargestellten wieder. Das hat nichts mit der Qualität der Bilder oder mangelnder Sehschärfe zu tun. Vielmehr mit der Demenz-Krankheit der älteren Leute. Ihre Persönlichkeit hat sich verändert, ihr Gedächtnis ist ihnen abhandengekommen - deshalb leben sie nun in einer betreuten Wohngemeinschaft zusammen.

Die Frauen und der einzige Mann sitzen rund um einen Tisch im Bastelraum der Villa Marienhöhe, einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke. Sie sollen die Fotokopien, auf denen sie selbst abgebildet sind, mit Stiften farbig ausmalen. Die meisten kostet es Überwindung, auch nur einen einzigen Strich auf ihrem Foto zu ziehen - als wenn sie fürchteten, es damit zu entweihen. Eine Mieterin fasst sich auf einmal ein Herz, malt ihrem Abbild die Lippen rot und die Bäckchen rosig.

Wer bin ich, und wer wäre ich gern? Diese Frage steckt hinter der Malaufgabe. Es geht um das Repertoire der Erinnerungen. Sonja Falke und Cindy Ziergiebel, zwei Studentinnen der Hochschule Darmstadt, Studienfach Soziale Arbeit, haben nicht vor, Noten zu vergeben oder Kritik an den Ergebnissen zu üben. Sie wollen mit ihren Anregungen erreichen, dass sich die WG-Bewohner wieder an sich selbst erinnern und sich als autonome Personen wahrnehmen.

Die Angehörigen freuen sich

Über das Engagement der jungen Frauen freuen sich vor allem die Angehörigen der elf WG-Bewohner. Eigentlich sind es sogar zwölf, aber ein frei gewordener Platz konnte bisher noch nicht wieder besetzt werden. Der Kunst-Beitrag ist eine gute Ergänzung des WG-Konzepts: Die Bewohnerinnen und Bewohner werden in alle Alltagsarbeiten einbezogen. Soweit sie dazu noch in der Lage sind, helfen sie beim Tischdecken, Kochen, Servieren und Putzen. Diese Tätigkeiten sind ihnen vertraut, darüber müssen sie nicht viel nachdenken.

Bis Herbst 2010 werden die Studentinnen alle vierzehn Tage den alten Leuten zwei Stunden lang anregende Aufgaben stellen. Als erstes haben sie mit ihnen Erinnerungsboxen gebastelt. Eine Teilnehmerin hat ihre Box - einen beklebten Schuhkarton - mit der Zeitschriften-Überschrift "Du bist doch so ne tolle Frau" verziert. Mit den gemeinsam hergestellten und bemalten Salzteigplätzchen wurden die Räume der WG in der Erbacher Straße 57 dekoriert.

Im ersten Halbjahr geht es um das, was die WG-Bewohner noch aus ihrer Vergangenheit wissen. Sie sollen sich zurückbesinnen, wie sie einmal aussahen - wie trugen sie ihre Frisur, hatten sie ein Hobby? Im zweiten Halbjahr steht ihre Gegenwart im Mittelpunkt. Die Studentinnen werden sie auffordern, Dinge zu fotografieren, die ihnen wichtig sind. Vielleicht kommen dabei soviele Fotos zusammen, dass es sich lohnt, sie in einer Ausstellung zu präsentieren.

Falke und Ziergiebel hatten damit gerechnet, dass die Konzentrationsfähigkeit der Demenzkranken nach 20 Minuten nachlassen würde. Aber selbst nach einer Stunde wollen die meisten noch nicht in ihre Zimmer zurückkehren. Die Studentinnen motivieren sie - bis zu einem bestimmten Punkt. Jeder Bewohner hat die Freiheit, auch mal nein sagen zu können. (pyp)

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