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Von Sanierung keine Spur

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Holzpfeiler stützen den Ostbalkon des Bahnhofsgebäudes.
Holzpfeiler stützen den Ostbalkon des Bahnhofsgebäudes. © Claus Völker

Der denkmalgeschützte Südbahnhof verfällt und der Besitzer bastelt an einem Nutzungskonzept.

Rund siebzig Züge halten täglich im Darmstädter Südbahnhof. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht zählen - zu verschmiert und verkratzt ist der Schaukasten, in dem der Fahrplan hängt. Die Züge fahren nach Frankfurt und Heidelberg. Wer dorthin will, muss allerdings ohne Fahrkarte reisen, denn der Automat hat nur Tickets innerhalb des Rhein-Main-Verkehrsverbunds.

Darmstadt-Süd ist mittlerweile auf der untersten Stufe dessen angekommen, was deutschen Bahnhöfen nach der 1994 vollzogenen Bahnreform widerfahren konnte. Noch ein Schritt tiefer - das wäre die Stilllegung. Im Südbahnhof kann man immerhin noch ein- und aussteigen. Doch dazu braucht es etwas Mut. Wer das menschenleere Haus am Danziger Platz betritt, sieht als erstes die trotz Vorhängeschloss aufgebrochene Toilettentür. Eine Kloschüssel existiert nicht mehr, der Dunst in der Kabine lässt keine Frage über ihren Zweck offen. Die Empfangshalle bestürzt in ihrer Trostlosigkeit. Die Schalter sind seit langem vernagelt, die schönen grün-blauen Majolikafliesen über und über mit Graffiti besprüht.

Bis 2006 hatte die Modellbaugruppe des Bahnsozialwerks im Zwischengeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes ihren Hobbyraum. Alte Herren bastelten an einer Bahnwelt, in der Züge pünktlich fahren, Bahnhöfe sauber sind und niemand vom Börsengang redet. Die Rentner - die, so gut sie konnten, auf Ordnung achteten - wurden hinausgedrängt, als die Bahn das Gebäude verkaufte.

Seitdem verfällt es nur noch schneller. Um so verdutzter waren Passanten, als sie vor einiger Zeit Holzstützen an der Hauptfassade entdeckten. Holzpfeiler helfen nun mit, das Gebälk des großen Ostbalkons zu tragen. Zugleich wurde dessen Boden von unten verbrettert. Der neue Eigentümer, die Main Asset Management GmbH in Dreieich, verweist auf die Bahn. Deren Sprecher Bernd Honerkamp erklärt den Gerüstbau mit "Schutz- und Sicherungsmaßnahmen". Als Zeichen einer bevorstehenden Sanierung seien sie allerdings nicht zu verstehen. Obwohl sie wünschenswert sei. Man habe darüber mit dem Eigentümer gesprochen.

Das Kapital soll sich rentieren

Die in London ansässige, 1999 gegründete Investmentgruppe Patron Capital Ltd. hatte 2007 und 2008 insgesamt 1004 Empfangsgebäude von der Bahn erworben, darunter neben dem Südbahnhof auch die Bahnhöfe von Messel, Weiterstadt, Bickenbach, Zwingenberg, Bensheim-Auerbach, Gernsheim, Biebesheim und Biblis. Kurz drauf wurde die Dreieicher Firma als hundertprozentige Tochter des englischen Unternehmens gegründet, "um dafür zu sorgen, dass sich das investierte Kapital rentiert", wie Geschäftsführer Siegfried Fernitz erklärt.

Damit der Kauf sich rentiert, muss die Nutzung mehr Geld einbringen als kosten. Derzeit, so Fernitz, werde ein Konzept erarbeitet, um die vermietbaren Räume des Gebäudes an den Mann zu bringen. Das ist nicht so einfach. Denn der Bahnhof bleibt weiter in Betrieb. Neu genutzt werden können Räume im ersten Obergeschoss und unter dem schmuckvollen Walmdach. "Das muss durchgreifend repariert werden, bevor wir anfangen, das Objekt in die Hand zu nehmen", kündigt Fernitz an. Denkbar sei die Vermietung sowohl als Wohnung als auch für Gewerbe.

Wer das 1912 von dem Mainzer Bahnarchitekten Friedrich Mettegang entworfene, Klassizismus und Heimatstil elegant verwebende Gebäude genauer betrachtet, merkt bald, dass noch mehr Sanierungsaufgaben warten. Feuchte Wände, herabstürzender Putz, marode Fenster, von Wärmedämmung ganz zu schweigen. Und was ist mit dem Vandalismus?

Da hält Fernitz eine tröstliche Auskunft bereit. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich in einem Haus, das rund um die Uhr genutzt wird, keine lichtscheuen Gestalten mehr rumtreiben. Das mit den Graffiti hört dann ganz von alleine auf." (ers)

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