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Der starke Verkehr auf dem Rhönring kann für Anwohner belastend sein.
Der starke Verkehr auf dem Rhönring kann für Anwohner belastend sein. © Claus Völker

Viele Darmstädter leiden unter Lärm, rund ein Drittel fühlt sich dadurch dauerhaft belästigt. Abhilfe könnte ein Lärmaktionsplan schaffen, den der Magistrat derzeit aufstellt. Derweil suchen TU-Mitarbeiter nach Lösungen, den Lärm an der Quelle zu bekämpfen.

Die junge Frau ist gerade in ein Häuschen an der Erbacher Straße in Darmstadt gezogen. Eigentlich gilt dort Tempo 50. Weil viele Autofahrer sich aber schon außerhalb der Stadt wähnen, drücken sie tüchtig auf die Tube. „Da wird es schon ganz schön laut“, sagt sie.

Die Frau ist nicht allein Darmstadt. „Lärm gehört zu den häufigst genannten Umweltproblemen“, heißt es auf der Homepage der Stadt. Rund ein Drittel der Bürger fühlt sich durch Lärm dauerhaft belästigt. Abhilfe könnte ein Lärmaktionsplan schaffen, den der Magistrat derzeit aufstellt. Im November ist der erste Teil in Kraft getreten, der sich dem Straßenverkehr widmet. Dazu gehören beispielsweise nachts Tempo 30 in der Heinrichstraße und ein Versuch mit sogenanntem Flüsterasphalt.

Den Lärm an der Quelle zu bekämpfen – damit befasst sich das TU-Fachgebiet Systemzuverlässigkeit und Maschinenakustik. Warum ist ein Auto laut? „Beim Anfahren und im unteren Geschwindigkeitsbereich liegt es vor allem am Motor“, sagt Joachim Bös. Und an Komponenten des Antriebs – „derzeit gehen wir davon aus, dass die Ölwanne das Dröhnen erzeugt, sie funktioniert wie ein großer Resonanzraum.“ Bei höherer Geschwindigkeit tritt dagegen das Rollgeräusch in den Vordergrund – oberhalb von 50 Stundenkilometer in peinigender Lautstärke. Man brauchte Reifen ohne Profil und Straßen so glatt wie ein Kinderpopo, um dieses Problem zu lösen.

Bös ist stellvertretender Leiter des TU-Fachgebiets und stellte gestern, am Internationalen Tag gegen Lärm, die Leistungen seines Teams in der Mensa an der Alexanderstraße vor. Der Ort war nicht schlecht gewählt, ist es doch mittags im Mensafoyer so laut wie auf einer Baustelle. Bös muss brüllen, um die Erfolge seiner Forschungen zu erklären. Die künstliche Erzeugung von Schwingungen etwa, die den unerwünschten Schwingungen des Lärms entgegengeschickt werden.

Bös demonstriert das an einem Kopfhörer. Man setzt ihn auf und vernimmt zunächst im nach wie vor brandenden Trubel die leiser gewordene Stimme des Dozenten. Bös schaltet die Schwingungen ein – prompt ist nur noch seine Stimme zu hören, alle Umweltgeräusche sind verschwunden. „Sehr praktisch im Flugzeug“, sagt Bös. Allerdings kosten die Geräte derzeit noch um die 400 Euro.

Wann und in welchem Ausmaß technische Entwicklungen dieser Art im Alltag normaler Menschen anlangen, ist schwer zu sagen. Zumal es ja noch die „Psychoakustik“ gibt, wie Bös sagt. Lärm wird subjektiv erlebt: Jemand, der wohlig die Megabässe in der Disko genießt, mag nachts das kaum hörbare Sirren einer Schnake als unerträglich empfinden.

Und so wird Psychoakustik unter Umständen zu einer Barriere für technische Innovationen. Ein großer Hausgerätehersteller bot Testpersonen Haarföne zur Wahl an – alle mit gleicher Leistung, jedoch unterschiedlich laut. „Die Leute griffen ausschließlich zum lautesten Gerät, mit der Begründung, dieses habe mehr Power.“ Dieselbe Erfahrung machte man mit Staubsaugern.

Bis Darmstadt leiser wird, ist es noch ein weiter Weg – die junge Frau, die in der Erbacher Straße wohnt, wäre vorerst schon zufrieden, wenn es öfter Geschwindigkeitskontrollen gäbe. ( ers)

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