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Rost von hundert Jahren

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Arbeitsplatz in 40 Meter Höhe.
Arbeitsplatz in 40 Meter Höhe. © Roman Grösser

Vor der Sanierung des Hochzeitsturms werden die historischen Balkone abgehängt.

Um kurz nach zwölf atmet Schlossermeister Schorsch Wolf auf. Der achte Balkon vom Hochzeitsturm ist abmontiert, und ein Kran hat das letzte schmiedeeiserne Stück vorsichtig neben dem Darmstädter Wahrzeichen abgesetzt. "Ich bin heilfroh, dass wir alle acht unten haben."

Bevor der Hochzeitsturm saniert wird, müssen zunächst die Balkons - drei im Osten, fünf im Westen - abgehängt werden. "Sie sind in den vergangenen hundert Jahren stark korrodiert und es besteht Gefahr, dass Teile abbrechen", sagt Denkmalpfleger Nikolaus Heiss.

Während die fünf Balkons im Westen, auf der Wetterseite, bereits mehrfach ausgebessert und tragende Schrauben erneuert werden mussten, sind die im Osten noch im Originalzustand von 1907. Die westlichen sind am Montag auch in kürzester Zeit abmontiert, "bei den anderen drei müssen wir mit der Flex ran", sagt Wolf, der mit drei Lehrlingen gegen 9.30 Uhr mit der Demontage begonnen hat.

Längst keine Zierde mehr

Die Handwerker haben nicht nur eine Reihe von Werkzeugen in 40 Meter Höhe transportiert; auch Seile und Gurte haben sie dabei, mit denen derjenige gesichert wird, der am Balkon arbeitet. Diese sind seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglich. Tausende Besucher fahren jährlich auf die Aussichtsetage des Fünffingerturms - die Flügeltüren öffnen und einen Schritt heraustreten können sie aber nicht.

So dienten die knapp einen Meter tiefen Austritte unter den Fingern des insgesamt 48,5 Meter hohen Turms nur noch als Zierde. "Eine Zierde waren sie jetzt aber auch nicht mehr", sagt Heiss. Deshalb wurde der Habitzheimer Schlossermeister und Kunstschmied Schorsch Wolf mit deren Sanierung beauftragt.

Zunächst müssen die vier Handwerker in luftiger Höhe einige Schwierigkeiten meistern: Beim Lösen der Halterungen stellten sie fest, dass manche Schrauben nicht mehr heraus zu drehen sind. Auf der Westseite, wo Schlossermeister Wolf vor zwei Jahren neue Edelstahlbefestigungen eingesetzt hat, war dies schnell passiert. Auf der Ostseite mit den Originalbalkons hingegen ragen Schraubenköpfe aus der Wand, die es heute gar nicht mehr gibt. So muss gebohrt, ein Schraubenkopf nach dem anderen abgeschlagen und mit dem Brecheisen gearbeitet werden.

Sind alle Schrauben draußen, wartet die nächste Herausforderung. Schorsch Wolf muss den Kranführer über Funk so präzise dirigieren, dass dieser die beiden Ketten mit den großen Karabinerhaken zentimetergenau zu den Balkons schweben lässt. Dort nimmt - gut gesichert - Wolf die Haken entgegen und hängt sie an den Außengeländern ein. "Jetzt kannst Du langsam anheben", weist er den Kranführer an. Florian Müllerheim und Lehrling Simeon Borszik schieben vorsichtig mit langen Stangen den Balkon von der Turmwand, bis er etwa einen Meter Abstand hat. "Jetzt ist er frei, Du kannst ihn runterlassen", spricht Wolf ins Funkgerät.

Der Balkon steht zwei Minuten später auf festem Boden, wo Lehrling Thorben Volk die Geländer und Bodenplatten in einen Laster lädt. Die Bleche kommen zum Schrott, die Geländer werden nach Dieburg transportiert.

So viel Original wie möglich

Dort werden sie mit einem Sandstrahler vom Rost befreit. Dann kommen sie in die Habitzheimer Werkstatt des Kunstschmieds. "Wenn Rost und Farbe entfernt sind, können wir das Ausmaß der Beschädigung sehen", sagt Wolf. Stark oxidierte Stäbe werden herausgetrennt, neue eingenietet. "Wir erhalten so viel wie möglich von der Originalsubstanz", so das Ziel des Fachmanns.

Dabei geht es aber nicht nur um die Erhaltung der schönen, schlichten Ornamentik, vor allem die Stabilität müsse wieder hergestellt und die nachträglich aufgesetzte Brüstung wieder abgenommen werden. "Was von uns zurück auf den Turm kommt, muss hundert Jahre halten", sagt er.

Die Farbgebung ist noch unklar, eine Malerfirma ist mit der Farbanalyse beschäftigt. Fest steht, dass ein Schuppenpanzerlack aufgetragen wird, entweder in historischem Grau oder Grün.

"Wir sind froh, dass es nun losgeht mit der Turmsanierung", sagt Uwe Seitz vom Förderverein Hochzeitsturm. Dass es Verzögerungen gegeben habe, sei zumindest für die Hochzeitspaare erfreulich: "So konnten und können sie im Mai und Juni noch in einem Turm heiraten, der nicht in ein Gerüst verpackt ist." (an)

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