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Rettung eines Kulturdenkmals

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Das obere Stockwerk bekommt neues  Gebälk.
Das obere Stockwerk bekommt neues Gebälk. © Claus Völker

Jahrelang war der Darmstädter Ostbahnhof schutzlos dem Verfall preisgegeben. Mittlerweile wird der Bau aus dem Jahr 1869 saniert und umgestaltet. Bald soll hier ein Fahrradgeschäft einziehen.

Es sind wuchtige Schläge, mit denen ein Arbeiter das Mauerwerk auf der Nordseite entfernt. Die Backsteine stürzen ins Innere des Gebäudes, und schon saust der Hammer wieder auf die Wand. Seit einigen Monaten schon vollziehen sich Umbau und Sanierung des Ostbahnhofs – eines Darmstädter Kulturdenkmals, um dessen Erhalt man trotz seines Ranges ernsthaft fürchten musste. Die Bahn nutzte das Empfangsgebäude schon lange nicht mehr; schutzlos war der Bau aus dem Jahr 1869 dem Verfall preisgegeben.

Bis sich der Darmstädter Investor Murat Karakaya und sein Kompagnon Holger Loew zum Kauf entschlossen. Unter der Leitung der Ober-Ramstädter Architekten Erik North und Lutz Backhaus ist der Bahnhof inzwischen komplett entkernt worden. Nur das Fachwerk und die Eingangsmauer stehen noch und tragen das Dach.

Fahrradgeschäft zieht ein

Von der ursprünglichen Ausfachung ließ sich nicht mehr viel verwenden. North und Backhaus lassen nun bei der Baukeramikfirma Golem im märkischen Jacobsdorf Ziegel in der originalen Lehmmischung neu brennen. Golems Renommee ist groß: Zu den Referenzen zählen die Restaurierung des Lübecker Holstentors, des Schweriner Schlosses und der Hackeschen Höfe in Berlin. Was den Ostbahnhof angeht, so muss die hier typische beige-orange Tonfarbe getroffen werden.

Von der Lieferung der Ziegel hängt es ab, wann der Ostbahnhof fertig wird. Die Architekten hoffen aufs Frühjahr. „Zu Beginn der Fahrradsaison“, sagt Karakaya. Sein Mieter ist ein Kaufmann aus der Region, der den gesamten Bahnhof als Fahrradgeschäft nutzen will. Wo sich zuletzt die Schalterhalle befand, werden künftig die Kunden empfangen. Die ehemaligen Diensträume verwandeln sich in die Reparaturwerkstatt. Vom Eingang aus rechts erstreckt sich der Verkaufsraum für die Velos.

Während das Empfangsgebäude äußerlich fast ganz in den Zustand seiner Einweihung zurückversetzt wird, entschied man sich beim südlichen Anbau im Einvernehmen mit dem Denkmalschutz für eine gläserne Fassade auf der West- und der Hälfte der Südseite.

In diesem Trakt wird künftig eine Treppe in einen zweiten Verkaufsraum im Obergeschoss führen, in dem Outdoor-Bekleidung angeboten wird. Seinen besonderen Charme erhält dieser Raum über die gesamte Länge hinweg durch das freiliegende Gebälk.

An ihre Grenzen stößt die Rekonstruktion beim Bahnhofseingang. Er ist von der Bahn einst vergrößert und ein Stück vorgezogen worden, wobei das Fachwerk durch eine massive Mauer ersetzt wurde. Dies lässt sich nicht mehr rückgängig machen. North und Backhaus werden allerdings im ersten Stock die Verbretterung aus dekorativ geschnitzten Langschindeln über den Vorbau hinwegziehen.

Die neuen Fenster werden die ursprüngliche Teilung erhalten, die Türen dagegen in ästhetisch angemessener Form dem neuen Zweck dienen. Wobei türhohe Fenster auf der Bahnsteigseite daran erinnern sollen, dass dies einst der Gang zu den Zügen war.

Karakaya und Loew haben unterdessen der Stadt angeboten, auf eigene Kosten auch den Bahnhofsvorplatz herrichten zu lassen. Ohne Erfolg. Die Stadt wird das Gelände zwar von der Bahn kaufen, doch ist unklar, wie der Platz nach dem Abschied von der Nordostumgehung gestaltet und wie dies finanziert werden kann. Vermutlich also werden die Darmstädter – Fahrradkäufer eingeschlossen – hier noch viele Jahre durch Schlaglöcher stolpern. (ers)

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