1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Respekt durch Zuhören

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Dieter Gimbel geht nachts in Eberstadt auf Streife. Viele Jugendliche schätzen ihn.
Dieter Gimbel geht nachts in Eberstadt auf Streife. Viele Jugendliche schätzen ihn. © Roman Grösser

Hilfspolizisten, Freizeitsheriffs, Blockwarte? Viele Vorurteile schwingen mit, wenn man das erste Mal von Bürgern hört, die freiwillig auf Streife gehen. Der Eberstädter Nachtwanderer Dieter Gimbel hat sich zum Konflikttrainer ausbilden lassen.

Es kann schon mal passieren, dass Dieter Gimbel mit einer La-Ola-Welle begrüßt wird. Aber nicht am Nachmittag im Fußballstadion. Sondern nachts auf einem der Plätze Eberstadts. Dort, wo sich Jugendliche rumtreiben, wie man so sagt. Der 56-Jährige ist einer der zehn Eberstädter Nachtwanderer, die seit zweieinhalb Jahren in kleinen Gruppen im Stadtteil nach dem Rechten sehen, wenn es dunkel wird.

Hilfspolizisten, Freizeitsheriffs, Blockwarte? Viele Vorurteile schwingen mit, wenn man das erste Mal von Bürgern hört, die freiwillig auf Streife gehen. Auch Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) „war anfangs skeptisch“, wie er zugibt. Jetzt hat er Gimbel eine Urkunde überreicht, die den Schenck-Mitarbeiter als Konflikt- und Deeskalationstrainer ausweist. Gimbel hat einen Kurs des Vereins Neue Lernpraxis in Köln absolviert, der sich auf soziale Fähigkeiten spezialisiert hat. Mimik und Körperhaltung des Gegenübers einzuschätzen, ist ein wichtiger Bestandteil des Lernstoffes. Schließlich geht es nicht nur darum, gefährliche Situationen zu entschärfen, sondern auch darum, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen.

Vorurteile zu entkräften, auch das liegt Gimbel am Herzen. „Erstens, Eberstadt und seine Jugendlichen sind viel besser als ihr Ruf. Zweitens, die meisten Probleme gibt es nicht in Eberstadt-Süd, bei den Hochhäusern, sondern im Zentrum, im Bauerngarten zum Beispiel und an der Modaubrücke, wo sich die Polen und Russen treffen. Drittens, die Jugendlichen, die Stress machen, sind meist keine Eberstädter, die kommen aus Seeheim und Alsbach, um hier die Szene ein bisschen aufzumischen“, sagt er.

Gimbel hält viel auf seine Kids. Gewiss, sie sind manchmal laut. Sie trinken oft einen über den Durst, sie rangeln herum. Aber das Verhältnis zu den Nachtwanderern ist respektvoll, die Situation entspannt sich, wenn die Gruppe auftaucht. Mancher hat Probleme und niemanden, mit dem er darüber reden kann. „Mit den Kumpels zu sprechen, das wäre uncool“, sagt Gimbel, die Neutralität der Nachtwanderer dagegen macht es den Jungen leichter. „Das ist, als würden Sie in eine Wasserflasche stechen. Es fließt und fließt.“

Der mehr oder minder instinktive Umgang mit den Jugendlichen ist durch den Kurs nun auf ein professionelles Fundament gestellt worden. Als Konflikttrainer wird Gimbel sein Wissen an die Nachtwanderer weitergeben sowie Strategien und Konzept in andere Stadtteile tragen. ( ers)

Auch interessant

Kommentare