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Pfarrer Wolfgang Weißgerber in SA-Uniform vor dem Eberstädter Pfarrhaus.

Darmstadt

Wie ein Pfarrer „mit heißem Herzen und ganzer Seele hinter dem Führer“ stand

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Ein neues Buch von Joachim Schmidt schildert, wie sich Wolfgang Weißgerber, der frühere evangelische Pfarrer von Darmstadt-Eberstadt, dem Nationalsozialismus unterwarf.

Pünktlich zum 75. Jahrestag der Befreiung des Darmstädter Stadtteils Eberstadt durch die Amerikaner am 24. März hat Joachim Schmidt ein wichtiges Buch zur Aufarbeitung der Darmstädter Lokal- und Kirchengeschichte vorgelegt.

Der pensionierte Oberkirchenrat hat sich im Rahmen des von der Hans Erich und Marie Elfriede Dotter-Stiftung geförderten Projekts „Stadtteil-Historiker“ mit der braunen Vergangenheit des Eberstädter Pfarrers Wolfgang Weißgerber (1900–1984) beschäftigt. Dieser hatte zwei Leidenschaften: die Jugend- und die Pressearbeit.

Als die Nazis 1933 darangingen, sich alle Lebensbereiche in Deutschland zu unterwerfen, glaubte Weißgerber, durch Paktieren mit der NSDAP seine bis dahin sehr erfolgreiche Arbeit schützen zu können. Er trat Anfang November 1933 in die SA ein und wurde Mitglied der von den Nazis gesteuerten Reichsschrifttumskammer.

Aber binnen eines Jahres war seine Gemeindejugend in die Hitler-Jugend eingegliedert und sein kostenpflichtiges Gemeindeblatt geriet unter immer stärkeren Druck.

Die vielen Darmstädter, die bis heute meinen, der energische, aber auch joviale, freundliche und den Menschen zugewandte Gemeindepfarrer habe nur aus taktischen Gründen oder aus Angst die Nähe zum NS-Regime gesucht, muss Schmidt nach zweijähriger Arbeit an dem Buch enttäuschen.

Leitartikel ganz im Sinne der NS-Propaganda

Schmidts erschütterndes Fazit lautet: Weißgerber „leistete keinen Widerstand, sondern passte sich an und schrieb bis zum Ende seines Gemeindeblatts 1941 immer härtere Leitartikel im Sinne der NS-Propaganda. Goebbels hätte seine Freude daran gehabt.“

So kommentierte er etwa den Beginn des Zweiten Weltkriegs in dem von ihm herausgegebenen Gemeindeboten unter der Überschrift „Ruf zur Bereitschaft“ wie folgt: „Es kann keinen Deutschen geben, der in diesen Tagen nicht mit heißem Herzen und mit ganzer Seele hinter dem Führer und den Männern seines Vertrauens steht, die um die Beseitigung des Unrechts von Versailles ringen.“

Schmidts Buch trägt nach dem 23. Psalm („Der Herr ist mein Hirte“) den zweideutigen Titel „Auf rechter Straße“. Darüber, dass er während der Zeit des Nationalsozialismus auf braunen Irrwegen unterwegs war, schwiegen sich sowohl Weißgerber als auch seine Kirche in einem Spruchkammerverfahren im Jahr 1946 aus. Dies führte dazu, dass der publizistisch und propagandistisch aktive Gemeindepfarrer in SA-Uniform zunächst nur als ein harmloser Mitläufer eingestuft wurde.

Artikel in der FR bringt Pfarrer Weißgerber in Kalamitäten

Doch schon ein Jahr später brachte ein in der Frankfurter Rundschau abgedruckter Artikel den Pfarrer in Kalamitäten. Schmidt schreibt dazu in seinem Buch: „Am Dienstag, dem 8. April 1947, veröffentlichte die Frankfurter Rundschau auf ihrer zweiten Seite den Artikel ‚Das eherne Siegeslied‘ aus dem Evangelischen Kirchenboten für Hessen vom 28. Juni 1940, für den Weißgerber verantwortlich gezeichnet hatte und in dem es unter anderem hieß:

Am Johannistag, dem 24. Juni, hat es uns der Führer verkündet: ‚Deutsches Volk! Deine Soldaten haben in knapp sechs Wochen nach einem heldenmütigen Kampf den Krieg im Westen gegen einen tapferen Gegner beendet. Ihre Taten werden in die Geschichte eingehen als der glorreichste Sieg aller Zeiten. In Demut danken wir dem Herrgott für seinen Segen.‘ … Wir hier drinnen in der Heimat, die wir vor den Folgen des Krieges gnädig bewahrt worden sind, stehen als eine verschworene Gemeinschaft hinter dem Führer und dem kämpfenden Heere.“

„Pfarrer diente nicht Gott, sondern Goebbels“

Die Redaktion der FR merkte damals dazu an: „Einer unserer Leser schickt uns einige Exemplare des Evangelischen Kirchenboten für Hessen, der zu Hitlers Zeiten … unter der redaktionellen Verantwortung des Pfarrers W. Weißgerber (Darmstadt) herausgekommen ist. Die faksimilierte Wiedergabe beweist, daß sich im ‚Dritten Reich‘ ein Pfarrer erniedrigte, als er nicht Gott diente, sondern Goebbels.“

Der FR-Artikel erregte damals in der Öffentlichkeit erhebliches Aufsehen. Am 15. April unterrichtete Weißgerber seinen Kirchenvorstand davon. Im Protokoll der Sitzung heißt es, vermutlich formuliert von Weißgerber selbst: „Der Vorsitzende macht Mitteilung von neuen Angriffen gegen ihn wegen seiner früheren Pressetätigkeit im nat.soz. Staat – Anzeige bei der Spruchkammer, Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 8.4.47 – die offenbar im Zusammenhang stehen mit einer immer mehr zunehmenden Verunglimpfung evangel. Pfarrer von kommunistischer Seite zur Herabwürdigung der Kirche.“

Das war „die klassische kirchliche Abwehrfront der zwanziger Jahre gegen den für die Kirche so bedrohlich erscheinenden Kommunismus“, schreibt Weißgerber-Biograf Schmidt. Diesmal fungierte sie „als Bollwerk gegen eigenes Schuldbewusstsein, als sei in der in der Zwischenzeit gar nichts geschehen“, so Schmidt. Nicht etwa Weißgerbers nationalsozialistische Texte, sondern kommunistische und anti-kirchliche Umtriebe zur „Herabwürdigung der Kirche“ sollten der Grund für die Veröffentlichung in der FR sein.

Pfarrer Weißgerber wird nach FR-Artikel als stärker belastet eingestuft

Der Ankläger bei der Spruchkammer in Darmstadt sah das jedoch anders und erhob am 24. April 1947 erneut Klage gegen Weißgerber. Er beantragte bei der Spruchkammer eine Einstufung nicht als „Mitläufer“, sondern nach als „Belasteter“ oder „Aktivist“. Der Ankläger stellte fest: „Der Betroffene hat jedenfalls, auch wenn er nicht Mitglied der NSDAP war, durch seine Artikel, von denen leider nur einer vorliegt, den Nationalsozialismus wesentlich unterstützt und nicht Gott, sondern dem Nazismus gedient.“

Aufgrund von zwei Dokumenten, die die Kirchenleitung zur Entlastung Weißgerbers vorlegte, die Schmidt jedoch rückblickend als „klassische Persilscheine“ bewertet, bestätigte die Spruchkammer zunächst die Einstufung Weißgerbers als „Mitläufer“. Doch weil der Ankläger Berufung einlegte, wurde Weißgerber schließlich von der Berufungskammer insbesondere wegen seiner „Verherrlichung des Führers und des von den Nationalsozialisten angezettelten Krieges“ als stärker belastet und in die sogenannte Bewährungsgruppe eingestuft. Er erhielt zwei Jahre Berufsverbot und sollte 500 DM an einen Wiedergutmachungsfonds zahlen, was kurz nach der Währungsreform viel Geld war. 

Berufungsurteil auf mysteriöse Weise aufgehoben

Wenige Wochen später allerdings, so hat Schmidt recherchiert, sei das Urteil unter ungeklärten Umständen aufgehoben worden. „Wer da im Hintergrund welche Strippen zog, ist nicht mehr festzustellen“, so der Oberkirchenrat im Ruhestand. Weißgerber habe jedenfalls in seiner Gemeinde bleiben und abermals eine heute noch hoch geschätzte Jugendarbeit aufbauen können.

Zudem habe er sich mit etlichen Publikationen zur Geschichte Eberstadts und des Frankensteins einen Ruf als Lokalhistoriker erworben. Aber in seinem 1973 erschienen 40-seitigen Büchlein „1000 Jahre Eberstädter Kirchengeschichte“  werden die Jahre von 1917 bis 1973 gerade einmal mit 14 Zeilen erwähnt, merkt Schmidt an. Über die Zeit des Nationalsozialismus habe Weißgerber kein einziges Wort geschrieben. 

Pfarrer Weißgerber schweigt bis zum Tod über seine NS-Vergangenheit

Fast 40 Jahre lang, so Buchautor Schmidt, habe Weißgerber seiner Gemeinde das Erbarmen Gottes für den reuigen Sünder gepredigt. Doch in eigener Sache habe er bis zu seinem Tod im Jahre 1984 beharrlich über seine Verstrickungen geschweigen und sei stumm geblieben – so, „wie fast alle seiner Generation“, wie Schmidt anmerkt. 

Das Buch

Joachim Schmidt: Auf rechter Straße: Pfarrer Weißgerber Eberstadt, 296 Seiten, Justus von Liebig Verlag, 12,95 Euro

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