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Weiterstadt: Rathauschef sucht in Berlin Unterstützer gegen Pläne der Bahn

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Von: Annette Schlegl

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Wie die Visualisierung zeigt, sollen die Güterzüge in der Weiterstädter Kurve nordöstlich von Weiterstadt in einem Trog fahren.
Wie die Visualisierung zeigt, sollen die Güterzüge in der Weiterstädter Kurve nordöstlich von Weiterstadt in einem Trog fahren. © DB Netz AG

Die Pläne, die die Bahn für die Anbindung des Güterverkehrs an die Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim hat, bedeuten für die Stadt Weiterstadt viel mehr Lärm. Sie wehrt sich.

Die geplante ICE-Neubaustrecke von Frankfurt nach Mannheim wirft ihre Schatten im Rhein-Main-Gebiet voraus. Von Samstag an lässt die Deutsche Bahn im Gleisbereich bei Weiterstadt Bohrungen durchführen, um die Tragfähigkeit des Bodens zu erkunden. Die Bohrarbeiten sind laut Bahn für die weiterführende Planung der sogenannten Weiterstädter Kurve und der Nordanbindung Darmstadt vonnöten. Aber genau diese Weiterstädter Kurve, die ein Zubringer für nächtliche Güterzüge aus Richtung Mainz zur geplanten Neubaustrecke sein soll, hat in Weiterstadt für einen Aufschrei gesorgt. Die Stadt wehrt sich.

Bestandsstrecke soll mit ICE-Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim verbunden werden

Die zweigleisige Weiterstädter Kurve ist nur für den Güterverkehr gedacht. Güterzüge, die auf der bestehenden Bahnstrecke Mainz-Darmstadt unterwegs sind, sollen so an die ICE-Neubautrasse Frankfurt - Mannheim angebunden werden, die künftig tagsüber vom Personenfernverkehr und nachts vom Güterverkehr genutzt werden wird.

„Alle dreieinhalb Minuten fährt dann nachts ein Zug an Weiterstadt vorbei“

„Laut aktueller Planung fährt dann nachts alle dreieinhalb Minuten ein Zug an Weiterstadt vorbei“, sagt Bürgermeister Ralf Möller (SPD). Und nicht nur das: In Weiterstadt würde der Güterverkehr damit „gefühlt durch den Ort fahren“. Nicht nur Möller, auch alle Parteien und die Bevölkerung wehren sich gegen diese Weiterstädter Kurve, der die Netzgesellschaft der Deutschen Bahn, die für das Neubauprojekt zuständig ist, im November 2020 den Vorzug gegeben hat.

Weiterstädter Kurve hat sich aus 30 Streckenvarianten herauskristallisiert

Vorher hatte die Bahn in einem aufwendigen Verfahren vier Jahre lang die Streckenführung für die geplante Neubaustrecke Frankfurt–Mannheim ermittelt. Mehr als 30 Streckenvarianten waren detailliert untersucht und miteinander verglichen worden. Vertreter:innen von Kommunen, Landkreisen, Behörden, Landesministerien, Bundesministerium, Bürgerinitiativen sowie Landtags- und Bundestagsabgeordneten befassten sich in einem Beteiligungsforum mit der Streckenführung. Am Ende blieben vier mögliche Varianten übrig – und die „kleine Weiterstädter Kurve“ wurde präferiert.

Die Weiterstädter Kurve fädelt östlich des Bahnhofs Weiterstadt aus der Bestandsstrecke Mainz–Darmstadt aus und schließt in einem Rechtsbogen an die ICE-Neubaustrecke in Richtung Süden an.
Die Weiterstädter Kurve fädelt östlich des Bahnhofs Weiterstadt aus der Bestandsstrecke Mainz–Darmstadt aus und schließt in einem Rechtsbogen an die ICE-Neubaustrecke in Richtung Süden an. © FR Grafik

Das Stadtparlament hat gut 50 000 Euro bewilligt, damit sich die Stadt im Kampf gegen die Bahnpläne anwaltlich vertreten lassen kann. „Wir sind deutschlandweit unterwegs, um die beste juristische Beratung zu bekommen“, sagt Bürgermeister Möller. Ein Gutachter aus Freiburg sei schon beauftragt.

Weiterstadt zweifelt das nächtliche Zugaufkommen der Bahn an

„Das Planfeststellungsverfahren, bei dem wir als beteiligte Kommune offiziell angeschrieben werden, startet nächstes Jahr erst“, so Möller. „Bis dahin werden wir mit entsprechenden Gutachten nachweisen, dass die Planung der Bahn nicht in Ordnung ist, weil sie falsche Parameter angeführt hat.“ Im Vergleich zum letzten Bahn-Gutachten, das darüber entschied, welchen Streckenverlauf die Züge nehmen sollen, verdoppele sich die Zahl der Güterzüge nachts nämlich. Die Bahn sei damals von einem nächtlichen Zugaufkommen von 70 Zügen ausgegangen. Mittlerweile kommuniziere sie aber selbst fast 140 Güterzüge. Laut Bürgermeister stellt sich die Bahn jedoch quer, die Planungen auf eine neue Basis zu stellen, weil das mehr Lärmschutzmaßnahmen mit sich bringt.

Bürgermeister von Weiterstadt versucht in Berlin, Unterstützer des Protests zu finden

Weiterstadt will die geplante Trassenführung verhindern und selbst einen Trassenverlauf finden, der die Anwohner:innen weniger belastet. Falls dies nicht gelingt, fordert die Stadt einen übergesetzlichen Lärmschutz, eine Maßnahme, die über das vorgesehene gesetzliche Maß hinausgeht. Die Bahn müsste dann für einen größtmöglichen Schallschutz nachbessern, der Bund müsste die Mittel zur Verfügung stellen. Da der Bundestag im Rahmen der parlamentarischen Befassung bei Neubauprojekten ein zusätzliches Mitspracherecht hat, reiste Bürgermeister Möller in dieser Woche nach Berlin und versuchte, Abgeordnete für seine Anliegen zu gewinnen. „Wir bringen uns schon mal in Position“, sagte er.

Probebohrungen für die Neubaustrecke könnten Weiterstadt sogar helfen

Dem Stadtoberhaupt geht es dabei nicht nur um den nächtlichen Lärmpegel der Güterzüge. Die Weiterstädter Kurve sei auch ein „Riesenbauwerk“, das für die Bevölkerung für zehn Jahre oder mehr Baustellenlärm und Umleitungen mit sich bringe.

Die Probebohrungen vom 8. bis 21. Oktober will der Rathauschef aber nicht verteufeln – obwohl zwischen 23.30 und 5 Uhr Bohrhämmer und Rammsonden zum Einsatz kommen. „Die führen vielleicht zu dem Ergebnis, dass der Untergrund nicht geeignet ist und die Weiterstädter Kurve möglicherweise technisch nicht machbar ist.“

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