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Raketen sind kaum zu sehen

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Nebel und Rauchschwaden verdüstern den Blick auf die Russische Kapelle.
Nebel und Rauchschwaden verdüstern den Blick auf die Russische Kapelle. © Guido Schiek

Die Mathildenhöhe ist für viele wieder ein beliebtes Ziel in der Silvesternacht gewesen. Der Security-Mann hat viel zu tun, denn wenn Hunderte Menschen auf engstem Raum ein Feuerwerk veranstalten wollen, geht es nur bei den wenigsten regelkonform zu.

Silvester hat Student Olaf schon in ganz verschiedenen Städten verbracht, aber dass irgendwo so lang vor zwölf Uhr so viel geböllert wurde wie in Darmstadt, daran kann er sich nicht erinnern. „Letztes Jahr war ich in Freiburg, das ist ja auch nicht klein, aber da war vorher viel weniger“, berichtet der weitgereiste Pfälzer und weist mit dem Arm in Richtung Russische Kapelle. Schon um zwanzig vor zwölf pfeift Rakete um Rakete um das Gotteshaus, Feuerfontänen speien Glitzer, Rauch umfängt das Gebäude. Bereits auf dem Weg zur Mathildenhöhe habe es geballert, geleuchtet und geblitzt in den leeren Straßen, erzählt Olaf. Nicht nur kleine Kracher seien da probeweise abgefeuert worden, sondern ganze Batterien. „Man sieht es ja auch hier, alles verraucht“, erklärt er. Schon Stunden vor dem Jahreswechsel gehören Böllerschläge zur Begleitmusik des Abends.

Eine ältere Dame hat Knallerbsen mitgebracht und wirft sie kräftig auf den Asphalt. Jedes „Blop!“ zaubert ein Lächeln in ihr Gesicht. Eigene Feuerwerkskörper sind aber gar nicht notwendig auf der Mathildenhöhe; nichts ist einfacher als das Trittbrettfahren in der Neujahrsnacht, denn Hunderte Pyromanen sorgen für bestes Spektakel.

Security passt auf

Zu ihnen gehören auch Waheed und seine Freunde. Seit fünf Jahren lebt der gebürtige Afghane in Deutschland. In Afghanistan fällt Neujahr auf einen anderen Tag, „aber wenn wir hier sind, feiern wir das natürlich mit euch!“ So ganz anders sei das Fest am Hindukusch ja auch nicht, nur eben nicht mit so vielen Raketen. „Es ist ein wenig wie hier, wir gehen auch dort mit Freunden raus, in schönen neuen Kleidern, und feiern.“ Ein Freund von Waheed hält den Leitstab lose in der Hand, die Lunte sprüht, dann startet das Fluggerät. Die Flugbahn könnte allerdings besser sein. Ein Security-Mann eilt herbei und gibt freundlich, aber bestimmt Anweisungen: Silvesterraketen bitte nur auf dem Vorfeld zünden und dann in Richtung Stadt abschießen.

Der Mann hat viel zu tun, denn wenn Hunderte Menschen auf engstem Raum ein Feuerwerk veranstalten wollen, geht es nur bei den wenigsten regelkonform zu. Dass immer wieder Menschen ihre krachenden Böller direkt in die historischen Olbrich-Brunnen schmeißen, kann auch er nicht verhindern. Dann sind es noch wenige Sekunden, und die spannendste Frage lautet, ob sich das Feuerwerk noch einmal steigern lässt. Wer in einer Gruppe da ist, hat sich jetzt zusammengefunden, Besucher stehen im Schneematsch, es ist Zeit für das letzte Selfie des Jahres. Champagner fließt in Schaumweintulpen und immer und immer wieder knallt es. „Drei, zwei, eins!“, zählt schließlich eine Gruppe herunter.

Bunt wie ein Korallenriff

Das Klirren der Gläser hört man schon gar nicht mehr, urplötzlich ist der Himmel bunt wie ein Korallenriff. Magnesium und Kalium und Kalzium fackeln ab und zeichnen eine silber-violett-orangene Blume in den Himmel. Unten schwirren grüne Brummkreisel über den Boden, oben zerbrechen Raketen in tausend bunte Pyro-Splitter, und die Batterien ballern und ballern und ballern. Familien halten Riesen-Wunderkerzen in den Händen und beobachten die Feuershow von den Stufen des Ausstellungsgebäudes. Im Schneematsch wachsen ganze Beete ausgebrannter Fontänen heran, vom Himmel fallen Raketenwracks und Böllerpapier. Dichter Rauch mischt sich mit dichtem Nebel, die Russische Kapelle lässt sich lediglich als Silhouette erahnen, und auch das nur, wenn direkt dahinter eine helle Rakete explodiert. Schon dreißig Meter weiter versinken die Böller im Nebel, nur das Rattern der Feuerwerke hört man von der Stadt her. Die Besucher brüllen einander ihre Hoffnungen für 2015 zu. Meistens klingt das so ähnlich wie bei Waheed: „Fürs neue Jahr: Ein schönes Leben mit meiner Familie und meinen Freunden.“

Einen eher ruhigen Abend hatten die Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehr. Sie wurden nach Mitternacht nur zu fünf kleineren Bränden gerufen. 60 Einsätze hatten die Mitarbeiter des Rettungsdienstes. (eda/ers)

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