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Rätsel mit Lösung

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Die Pilze beleuchten die Treppen zur Tiefgarage.
Die Pilze beleuchten die Treppen zur Tiefgarage. © Claus Völker

Der neue Büchnerplatz vor dem Darmstädter Staatstheater ist ein Ort zum Staunen - ein Irrlichterspiel, zauberhaft, als stammten die Bauten aus dem Fundus des Sommernachtstraums.

Zu den Tugenden des Bürgers zählt die Geduld. 1999 wurden erstmals Nachrichten laut, die Theatergarage werde saniert und die darauf hockende Georg-Büchner-Anlage umgestaltet. An den Plänen jedoch wurde gefeilt, schließlich rückten Bagger an, nun ist die Umgestaltung beendet. Fast.

In elf Jahren ist aus der Anlage zwar ein Platz geworden, doch es fehlt noch das Wasser am östlichen Ende. Hinter dem Bauzaun polierten Arbeiter gestern das flache Becken. Ende August soll Einweihung gefeiert werden. Versprochen war sie für Mitte Juni.

Auf den neuen Platz mussten die Darmstädter lange warten. Die letzten neuen Plätze erhielt die Innenstadt um 1800 – kurz davor den Luisen-, bald danach Mathilden-, Wilhelminen- und Ludwigsplatz. Dabei blieb es vorerst. Vielleicht waren Plätze dem protestantischen Bürgertum ebenso verdächtig wie später dem sozialdemokratischen. Orte, an denen man sich aufhalten kann, verleiten zum Müßiggang. Das wurde nicht gern gesehen. Dieser Geist durchweht auch noch ein wenig den neuen Büchnerplatz.

Großzügig und gestaltet

Die alte Büchneranlage war 1970 mit dem Neubau des Staatstheaters entstanden. Auch sie war ebenso protestantisch wie sozialdemokratisch: kein freier Raum, alles parzelliert, hier ein Beet, dort ein Steg. Gewissermaßen ein großes innerstädtisches Schrebergartengelände.

Die Bürger, die dem Theater zustrebten, hielten sich an die Wege, tippelten Treppen hinab, tappten über die Brückchen. Gern taten sie’s nicht, denn das Gebüsch wucherte bald, und die Ecken wurden dunkler und dunkler. Das Staatstheater, ohnehin mit dem Ziel der optimalen Unerreichbarkeit geplant, geriet auch für den Fußgänger zum Sperrgebiet.

Ende des vergangenen Jahrtausends prüfte die Stadt dann Entwürfe von fünf Architekten und einer Studentengruppe, um einen Ausweg aus dem Dickicht zu finden. Die Wahl fiel auf den Plan von Werner Hochrein und seinem Büro Werk-Stadt. Dessen Prämissen scheinen heute erfüllt, auch wenn sein Plan nicht verwirklicht wurde: statt Urwald neue Offenheit, „um das Theater näher an die Stadt zu rücken“. Charmant war Hochreins Idee eines flachen Baus an der Westseite des Wilhelminenplatzes, der Kartenverkauf, Café und Tiefgaragenzugang vereint hätte.

Doch es kam anders. Mit Sanierung und Umbau des Staatstheaters wurde das Stuttgarter Büro Lederer, Ragnarsdottir, Oei beauftragt. Das legte – nachdem der Betrieb der Tiefgarage von der Stadt ans Theater übergegangen war – auch die Pläne für den Platz vor. Und was für einen Platz: Von leiser Erschrockenheit bis zu rückhaltloser Begeisterung reichten die Reaktionen, als der Kulturausschuss im Januar 2007 erstmals über Lederers Entwurf diskutierte. Der Architekt hatte nichts weniger getan als einen klassischen urbanen Freiraum zu schaffen, einen Bürgersaal unterm Himmel: großzügig und gestaltet gleichermaßen.

Sofort wollte Darmstadt die Leere füllen. Mit einem Kinderspielplatz zum Beispiel. Fein dosierte Spielgeräte gibt es jetzt tatsächlich, darunter ein originelles Glockenspiel des Designers Alfons van Leggelo, das erklingt, wenn man draufhüpft.

Irritierende Architektur

Doch insgesamt hat Lederer sich durchgesetzt, und so gibt es jetzt an unerwarteter Stelle einen Ort zum Staunen. Staunen über die Blickfläche, die sich öffnet, wenn man das obere Ende der Wilhelminenstraße erreicht hat. Staunen über den weiß-grün gestreiften Zebrapark. Staunen über die Architektur, deren Form und Sinn zunächst so rätselhaft erscheint: schlanke Pilze und Kisten mit milchigen Bullaugen.

Nichts davon existiert ohne Grund. Die Kisten belüften die Garage, die Pilze beleuchten die Wendeltreppen hinunter; abends werden sie aus der Tiefe angestrahlt – ein Irrlichterspiel, zauberhaft, als stammten die Bauten aus dem Fundus des Sommernachtstraums.

Das Staunen soll, so will es der Architekt, sich in Freude wenden, doch nicht ohne eine leichte Irritation. So ist der vierfach abgetreppte Zebrapark zu verstehen – und so wird er verstanden. Die Passanten zwischen Innenstadt und Bessungen überqueren ihn nicht, sondern laufen furchtsam und respektvoll drumherum. ( ers)

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