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Pützerturm wird Hörsaal für alle

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Der Pützerturm war lange Zeit das Wahrzeichen des Hochschulviertels.
Der Pützerturm war lange Zeit das Wahrzeichen des Hochschulviertels. © Guido Schiek

TU will bis zum Wintersemester die Sanierung des Gebäudes abgeschlossen haben.

Als der Baudezernent der TU Darmstadt, Edgar Dingeldein, vor ein paar Jahren in das mehr als 100 Jahre alte Uhrturmgebäude an der Hochschulstraße kam, dachte er: „Wenn sich die Möglichkeit bietet, müssen wir das unbedingt revitalisieren“. Dies ist nun der Fall. Im Oktober 2014 wurde mit der Sanierung des Gebäudes begonnen, das nach seinem Architekten „Pützerturm“ genannt wird und lange dominierendes Wahrzeichen des Hochschulviertels war. Es steht direkt gegenüber dem alten Hauptgebäude in der Hochschulstraße, nur wenige Meter vom Herrngarten entfernt.

Pützer plante den Turm als Erweiterungsbau, um dort einen weiteren Hörsaal der Elektrotechnik unterzubringen. Dass dieses Fachgebiet expandierte, war Verdienst von Erasmus Kittler, 1852 geboren, der 1882 einem Ruf an die damalige TH gefolgt war. Dort sollte er den neu zu schaffenden Lehrstuhl planen, um der kriselnden Hochschule zu neuen Studenten zu verhelfen.

Dies gelang ihm in nicht zu erwartendem Maße: Im gleichen Jahr noch wurde eine selbstständige Abteilung für Elektrotechnik mit eigenem Studienplan gegründet, ein Jahr später begann Kittler mit seinen Vorlesungen. Diese stießen nicht nur bei Studenten auf reges Interesse – auch Beamte, Professoren und Politiker gehörten zu den Zuhörern. Die Zahl der Studenten stieg konstant und damit der Bedarf an Räumen.

1895 wurden zunächst zwei isoliert stehende Institutsgebäude auf der Nordseite der Hochschulstraße fertiggestellt, zehn Jahre später folgte der Bau des neuen elektrotechnischen Hörsaals in Form eines markant aufragenden Uhrturms, der die getrennt stehenden Gebäude verband. „Eigentlich“, sagt Heiko Feuchter von der TU-Bauabteilung, sei der Pützerturm ja eine „Sendestation mit Hülle“ gewesen, denn er wurde als Signalstation für drahtlose Telegrafie genutzt. Gekrönt wurde er von einem weithin sichtbaren Kupferhelm, der als Laterne für einen Scheinwerfer diente. Am 11. September 1944 wurde die kupferne Haube des vorgelagerten Turms zerstört und das übrige Gebäude schwer beschädigt.

Bis in die fünfziger Jahre stand die Dachkonstruktion auf dem heute noch erhaltenen Stumpf. „Die Konstruktion hätte man heute mit einfachen Mitteln sichern können“, sagt Anette Hochberg von der TU-Bauabteilung. Damals aber wurde sie entfernt. Bei dem Wiederaufbau reduzierte man den vertikalen Turm um neun Meter und erhöhte die flankierenden Baukörper um drei Meter. Danach wurde er wieder als Hörsaal genutzt.

Ende der siebziger Jahre allerdings wurden in dem Gebäude Wände eingezogen – und dort, wo früher Studenten Erasmus Kittler lauschten, wurde die Bücherei des Physikalischen Instituts eingerichtet. Als die Universitäts- und Landesbibliothek nur wenige Meter entfernt auf dem Campus Stadtmitte fertig war, zogen die Bücher dorthin um – „und hier wurden diese tollen Flächen frei“, sagt Hochberg.

3,4 Millionen Euro Kosten

Sie schwärmt von original erhaltenen Türen und Fenstergriffen. Und Kollege Feuchter ist begeistert von den leicht geschwungenen Treppen, die den Turm erschließen, von den Brüstungsgeländern und bauzeitlichen Büsten in historischen Nischen. Erhalten werden auch die Lichtdecken zur indirekten Tageslichtversorgung, Parkettoberflächen und ein Terrazzoboden aus der Zeit des Jugendstils.

Um den ursprünglichen Hörsaal wieder als solchen nutzen zu können muss zunächst das für die Bibliotheksnutzung eingebaute Stahlgerüst in den Obergeschossen abgebrochen werden. Bleiben werden vier Fenster, fallen werden nachträglich eingezogene Wände, damit das Erdgeschoss mit Vorhalle denkmalgerecht renoviert werden kann.

All das kostet rund 3,4 Millionen Euro, finanziert aus dem Hochschulpakt. Zum Wintersemester soll die Sanierung abgeschlossen sein, und dann werden auch Geisteswissenschaftler in den Genuss kommen, den historischen Hörsaal zu nutzen, in dem vor 130 Jahren Elektrotechnikpionier Kittler seine Vorlesungen hielt. „Das wird ein Hörsaal für alle“, sagt Hochberg. (an)

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