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Bereit für den nächsten Kunden: Peitsche und Riemen rechts, am Bett Dildos. 

Sexarbeit

Prostitution in Darmstadt: „Nichts ist heute mehr schweinisch oder absurd“

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Eine ehemalige Edelprostituierte aus Frankfurt erzählt von ihrer Tätigkeit in einem Wald in Darmstadt. Junge Frauen machen sich das Geschäft kaputt.

Schon bei der Terminabsprache am Telefon erkennt Eva, ob der Freier „ein blöder Hund“ ist oder ob er öfter kommen wird. Sie steht mit ihrem Wohnmobil regelmäßig im Wald Richtung Griesheim. Viele Männer in Darmstadt kennen sie vermutlich. Auch wenn keiner darüber redet, wie sie sagt.

Früher sei sie eine „Edelnutte“ in Frankfurt gewesen. „Ich fuhr Porsche und hatte eine Penthousewohnung mit Swimmingpool“, schwärmt sie. Dann führte sie zwölf Jahre lang ein Bordell in Weinheim. „Zwölf Frauen arbeiteten mit mir – und das mit Spaß“, ist Eva überzeugt. „Die trugen alle Nerzmäntel.“ Unter Zuhältern sei sie nicht beliebt gewesen. Doch wegen des Paragrafen 180a im Strafgesetzbuch, „Förderung der Prostitution“, sei ihr der Laden dichtgemacht worden. Die Damen würden zu gerne zur Arbeit gehen, hieß damals laut Eva die Begründung. Das war vor 28 Jahren.

Darmstadt: „Nichts ist heute mehr schweinisch oder absurd“

Heute bezeichnet sie sich selbst als „älteres Modell“ – aber wie alt sie wirklich ist, sieht man der Frau mit dem hüftlangen, blonden Haar nicht an. „Strapse und Highheels gehören zum Pflichtprogramm“, sagt sie. Auch „Natursekt“ – also Dinge, die man mit Urin tun kann, etwa den Kunden vollpinkeln – und Domina seien heute Standard. Allerdings hätten die Freier sie früher für ein, zwei Sunden als Domina gebucht. „Heute läuft das in 30 Minuten.“ Es sei nicht das Einzige, was sich mit der Zeit geändert hat. Die Männer wollten heute öfter mit dem Dildo anal stimuliert werden, und mehr jüngere Männer möchten den Hintern versohlt bekommen. „Früher wollten das nur die Alten“, sagt Eva.

Darmstadt: Prostituierte muss Schauspielerin, Psychologin und Zuhörerin sein

In ihrem weißen Wohnmobil, mit dem sie täglich zu ihrem Stammplatz fährt, hat sie dafür verschiedene Utensilien dabei: Peitsche, Kochlöffel und Fliegenklatsche. „Nichts ist heute mehr schweinisch oder absurd“, sagt sie. Eine Prostituierte müsse Schauspielerin, Psychologin und Zuhörerin sein. Irgendwie seien alle Männer gleich. Und 90 Prozent ihrer Kunden kämen, weil „die Alte zu Hause nichts macht“. Eva ist überzeugt: „Wir können den Ehefrauen danken, dass der Berufsstand noch nicht ausgestorben ist.“ Sie selbst hat keinen Partner. „Ich kann niemanden um mich haben“, sagt sie.

Dass ihre Kunden Eva den jüngeren, oft osteuropäischen Frauen, die ebenfalls im Wald stehen, vorziehen, liege daran, dass die Männer Angst hätten, von denen abgezockt zu werden. „Die sagen: Bist du endlich fertig? Und ziehen schon die Hose hoch“, erzählt sie. Auch würden die jungen Frauen, die oft auf einem Pulk stünden, die Preise kaputt machen, weil sie sich selbst unterbieten würden. Irgendwann wären sie dann bei zehn Euro.

Sexarbeit in Darmstadt: Karrierestart als Fahrerin einer Edelprostituierten

Auf die Idee, als Prostituierte ihr Geld zu verdienen, kam die gelernte Industriefachfrau mit 26 Jahren durch ihren damaligen Chef in Frankfurt. Er habe in der Mittagspause regelmäßig Prostituierte kontaktiert und irgendwann zu ihr gesagt: „Du bist doch auch keine Hässliche.“ Und im Büro könne sie niemals so viel verdienen. Das überzeugte sie. Sie startete ihre Karriere als Fahrerin einer Edelprostituierten, für die sie auch die Termine machte. Doch bald stieg sie selbst ins Geschäft ein. „Am ersten Abend hatte ich acht Hunderter. „Da war es um mich geschehen.“

Für ihren eigenen Puff sparte sie zehn Jahre. Erst als der geschlossen wurde, versuchte sie es noch einmal mit gewöhnlicher Arbeit: Sie jobbte als Köchin in einem Swingerclub und handelte an der Warenterminbörse. „Da nehmen die den Leuten das Geld ab“, sagte sie sich. „Da kannst du auch im Rotlichtmilieu bleiben.“

So zog sie im Jahr 2000 nach Darmstadt, mietete eine kleine Wohnung und legte sich einen Campingbus zu. „Wenn es den Wald nicht gäbe, wäre es für mich aus“, ist sie überzeugt. Wie lange sie dort aber noch tätig sein kann, weiß sie nicht. Ihre Freundinnen hätten mit 45 Jahren aufgehört. Viele würden jetzt putzen gehen. Doch wo sie mal hin soll, weiß sie nicht. Eine größere Wohnung finde sie nicht. „Wer nimmt schon eine Nutte als Mieterin?“

Weiterlesen: Stress und Armut auf dem Straßenstrich: Der Verein Horizont hilft in Darmstadt Prostituierten. Manche Frauen müssen auf der Straße schlafen.

Voodoo-Schwur in Nigeria folgte die Zwangsprostitution: Das Landgericht Darmstadt hat einen Mann und eine Frau zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, weil das Paar als Teil eines Schleusernetzwerks junge Nigerianerinnen sexuell ausgenutzt hat.

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