1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Problem verschlafen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Darmstadt Nachmittagsbetreuung bleibt ein leidiges Thema / Eltern im Dauerstress

Sie ist zwar nicht akut in Not, dennoch stellt sich Carmen Kardinal schon jetzt auf eine Leidenszeit ein. „Ich rechne damit, dass ich nun anderthalb Jahre kämpfen muss“, sagt die 37 Jahre alte Mutter eines knapp vierjährigen Sohnes, für den sie ab Sommer 2012 einen Hortplatz in Darmstadt braucht. Zwar ist es bis dahin noch eine Weile hin, doch Betreuungsplätze für Schulkinder sind in Darmstadt mehr den je Mangelware.

„Als berufstätige Mutter stehe ich immer wieder vor dem Problem, meine Berufstätigkeit und die meines Partners mit der Betreuungssituation zu vereinbaren“, erläutert sie. Mangels Krippenplatz war ihr kleiner Sohn bei einer Tagesmutter, die 700 Euro monatlich kostete. Nur knapp fand die Familie anschließend einen Kindergartenplatz.

Nun steht die Schulzeit an und damit die nächste Betreuungshürde. Mit Schrecken habe sie festgestellt, „dass die Chance auf eine Weiterführung unser beider Berufstätigkeit deutlich abnimmt, wenn das Kind in die Schule kommt“, klagt die Mutter in einem Brief an die Stadt. Der Betreuungsausbau der vergangenen Jahre habe sich lediglich bei Krippen- und Kindergartenplätzen abgespielt. „Hortplätze werden fast nie oder nur am Rande erwähnt.“ Zwar biete die Grundschule in ihrer Nähe eine Nachmittagsbetreuung bis 16.30 Uhr – aber nicht in den Ferien. Die Eltern müssten also jeweils den Jahresurlaub nehmen, um die unbetreute Zeit abzudecken. Ein gemeinsamer Familienurlaub sei da nicht drin. Krank werden dürfe das Kind auch nicht, da sie dafür Urlaubstage nehmen müssten. Also hoffen sie auf einen Hortplatz, wo Kinder in der Regel bis 17 Uhr betreut werden – auch in den Ferien.

Damit sieht es umso schwieriger aus, nachdem der nahe liegende Hort des Elisabethenstifts gerade geschlossen wurde. Die Leitung begründet das damit, dass es einen ungleich größeren Bedarf an Krippenplätzen gebe, die nun zugunsten der Hortgruppe aufstockt werden. „In einer Situation des allgemeinen Mangels kann man es niemand Recht machen“, stellt Roland Hauptmann von der Pädagogischen Akademie Elisabethenstift fest. Die Politik habe verschlafen, richtige Ganztagsschulen zu schaffen.

Davon kann auch Frauke Spreckels ein Klagelied singen. Ihr Sohn besucht derzeit zwar noch den Elisabethenstift-Hort, der Vertrag läuft aber aus. „Ich brauche schlicht und ergreifend eine Betreuung, damit ich arbeiten kann“, betont die Unternehmensberaterin. Angesichts des Hortmangels denkt sie über eine andere Lösung nach: Selbst einen Hort gründen. So weit ist längst auch Sigita Urdze, die bereits drei elternbetriebene Krabbelstuben mitgegründet hat und sich mit der Elterninitiative „Ein Kind Ein Platz“ im Kampf um den Betreuungsausbau einmischt.

Erst kürzlich übergaben sie dem künftigen Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) mehr als 500 Unterschriften mit der Forderung des Hortplatzausbaus. Parallel plant die Elterngruppe, einen Hort zu schaffen, und sucht nach geeigneten Räumen. Dabei hoffen Urdze und ihre Mitstreiter auf die Unterstützung der Stadt und das angekündigte Fünf-Millionen-Euro-Sofortprogramm.

Ingrid Santin organisiert mit befreundeten Elternpaaren die Nachmittagsbetreuung ihrer Kinder in Eigenregie. Das sei aber belastend und könne nur eine Notlösung sein, betont sie. Aufgrund des angespannten Betreuungsmarkts arbeiteten sie und ihr Partner nur noch Teilzeit, seit ihre Tochter vor sechs Jahren auf die Welt kam. ( aw)

Für die Einrichtung eines Horts sucht die Elterninitiative „Ein Kind Ein Platz“ nach Räumen: Gebraucht wird eine Gewerbefläche mit mindestens 100 Quadratmeter und Außengelände. Über Hinweise an info@1kind1platz.de würden sich die Eltern freuen.

Auch interessant

Kommentare