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Premiere in Darmstadt: Tausende kommen zum „Fürstlichen Gartenfest“ – trotz Regen

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„Fürstliche Gartenfest“ auf Hofgut Kranichstein: Die Gruppe „Die Schwindler“ sorgt für das musikalische Ambiente.
„Fürstliche Gartenfest“ auf Hofgut Kranichstein: Die Gruppe „Die Schwindler“ sorgt für das musikalische Ambiente. © Monika Müller

Das erste fürstliche Gartenfest auf dem Hofgut Kranichstein bietet recycelte Jachtausstattung neben Tomatenzüchtungen an. Das Ambiente und ein Reitturnier ziehen Tausende an.

Trotz eines völlig verregneten Vormittags sind die Parkplätze auf den Wiesen vor dem Hofgut Kranichstein am Samstagmittag schon gut gefüllt. Routiniert weisen mehrere Ordner den konstanten Strom an größtenteils SUVs, Mittel- und Oberklasselimousinen in die mit Flatterbändern eingezogenen Reihen ein. Während noch einige Tropfen auf die Windschutzscheibe fallen, springt Christel Horn gut gelaunt aus dem Auto. „Das Wetter ist doch super“, winkt die Babenhäuserin ab.

Nach Darmstadt lädt der Prinz von Hessen an diesem Wochenende jedoch zum ersten Mal ein. Einige Tausende Menschen zieht es zu dem Open Air Event mit Reitturnieren und mehr als 80 Verkaufsständen mit edlen Schals, Teakmöbeln und Taggiasca-Oliven. Die Horns jedoch sind nicht zum Shoppen gekommen. „Wir haben ja alles“, sagt Manfred Horn. „Wir kommen wegen der tollen Atmosphäre und dem Ambiente.“ Tatsächlich kann der Besuch auch schnell ins Geld gehen. Allein der Eintritt von 15 Euro pro Person dürfte für die meisten Familien Luxus sein – und manche Produkte wie die aus 193 Lagen Damast geschmiedeten Profikochmesser von Petra Moes für 599 Euro das Stück oder die Elsol-Relax-Gartenliege für 5000 Euro – auch unerschwinglich.

Doch zwischen Kaschmirschals und aus Sandstein geschlagenen Gartenbrunnen lauern auch Schätze fürs Durchschnittsbudget: „Grüne aus Helarios“, „Herodes“ und „Himmelsstürmer“ heißen einige der mehr als 500 Tomatensorten der Bioland-Gärtnerei Haas aus Wertheim. „Der verregnete Sommer letztes Jahr war für uns alle ein absolutes Desaster“, sagt Gärtnerin Christiane Bauer und gibt einen Insidertipp gegen Tomatenfäule: „Ein Päckchen Backpulver auf zwei Liter Wasser und regelmäßig sprühen. Das hilft und ist auch noch günstig.“

Aber zurück zu den Schönen und Reichen. Eine ständig über das Gelände ziehende Wolke intensiven Trüffelaromas führt zu einem offenen Showgrill, an dem der Trüffelraclettekäse auf einer heißen Eisenplatte schmilzt, bevor er auf dem Hamburger landet. Dahinter, durch rote Kordeln abgetrennt, empfängt eine Frankfurter Vermögensberatung ihre geladenen Gäste mit Macarons, Weiß- und Schaumwein. Das dort gesprochene Englisch lässt auf ein internationales Publikum schließen.

Auf dem anliegendenen Dressurviereck nimmt die 13-jährige Margareta Werle aus München mit ihrem Pferd Darley’s Springtime indes den ersten Preis in der Kategorie Children Einzelwertung im Dressurreiten entgegen. Im Grunde nur eine Übung, sagt Trainerin Michaela Grupen, die seit drei Jahren mit Werle arbeitet. Denn in der nächsten Woche geht es zu einem internationalen Turnier nach Ungarn. Der Wettbewerb in Darmstadt sei dennoch etwas ganz Besonderes, schwärmt Grupen. „Die Anlage ist wunderschön und das Ambiente ist einfach einzigartig.“

Gebaut wurde der Reiterhof im Auftrag des Landgrafs Georg I. im 16. Jahrhundert. Zu dem Kulturdenkmal gehören neben den Stallungen auch ein vierachsiges barockes Gutshaus. „So was gibt es natürlich nicht überall“, sagt der Geschäftsführer des Reitsportbetriebs Andreas Wendenburg. „Und auch die sportlichen Bedingungen sind sehr gut.“

Wendenburg steht seit einem Jahr im Dienste des Hauses Hessen, um das Hofgut Kranichstein zu einer internationalen Größe im Reitsport aufzubauen. Seitdem hat er bereits 20 Turniere ausgerichtet, darunter auch die Deutschen Jugendmeisterschaften. In diesem Jahr habe er zudem eine Europameisterschaft und für 2023 ein internationales Vier-Sterne-Turnier geplant. Außerdem nutze der Landesverband das Hofgut als Leistungszentrum für Lehrgänge und vor allem in der Jugendförderung. „Dass wir uns hier als Veranstalter etabliert haben, ist auch ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt“, sagt Wendenburg.

Dass bei den Geschäften der Oberen auch etwas für die unteren Klassen abfällt, mag als Trickle-down-Effekt in den Wirtschaftswissenschaften zwar mittlerweile als umstritten bis widerlegt gelten. Doch Designerin Karen Häcker ermöglicht das in ähnlicher Form mit ihrem Start-up Industrierelikt. Aus Abfällen aus der Möbel- und Autoindustrie entwirft sie Taschen, Halsketten und Ohrstecker. Zu ihren Materialien gehört nicht nur Kunstleder, das bei der Produktion von medizinischen Liegen und Friseurstühlen übrig bleibt. Häcker hat auch Kontakte zu den Innenausstattern von Luxusjachten und bekommt von ihnen Makassar-Ebenholz.

„Da stört vielleicht mal ein Astloch, und dann wird das aussortiert“, sagt sie. Bei ihr werden die vermeintlichen Fehler dann zu einem besonderen Hingucker am Handgelenk oder der Umhängetasche.

Mit gut gefüllten Beuteln verlassen am Nachmittag schließlich auch viele Gäste wieder das Gartenfest. Auf die Frage einer älteren Dame, ob sich der Besuch denn lohne, antwortet ein junges Paar mit einem klaren Ja.

„Fürstliche Gartenfest“ auf Hofgut Kranichstein: Ausgesuchtes landet im bereitgestellten Einkaufswagen.
„Fürstliche Gartenfest“ auf Hofgut Kranichstein: Ausgesuchtes landet im bereitgestellten Einkaufswagen. © Monika Müller

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