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Präparatoren hinter Glas

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Paläobotaniker Martin Müller befreit eine Fledermaus vom Ölschiefer.
Paläobotaniker Martin Müller befreit eine Fledermaus vom Ölschiefer. © Günther Jockel

Zeugen der Geschichte: Besucher der Fundstätte können zusehen, wie Fossilien freigelegt werden. Im Dezember wollen sich die Präparatoren einer Schildkröte annehmen.

Mit zu Schleifen gebogenen Stahlnadeln und Dentalwerkzeug befreit Martin Müller (52) die hauchzarten, nur millimeterdicken Finger einer fossilen Fledermaus vom umgebenden Ölschiefer. Vorsichtig, um das kostbare Fossil nicht zu beschädigen, kratzt er Millimeter um Millimeter Gestein rund um die filigranen Knochen ab. Reste des kleinen Insektenjägers, der vor mehr als 47 Millionen Jahren in der Dämmerung über den tropischen Kratersee flatterte und bis vor kurzem im Seesediment begraben war, gewinnen nach und nach Gestalt unter den Händen des Frankfurter Senckenberg-Präparators.

„Jedes Mal spannend“, findet Müller, der seit 1978 Messel-Fossilien bearbeitet, seine aufwendige Arbeit unter dem Mikroskop. Denn „jeder Fund ist anders, und jeder kann auch eine bisher unbekannte Art sein“. Drei Tage brauche es, um den kleinen Säuger freizulegen, sagt Müller, denn das noch im Ölschiefer verborgene Skelett und vor allem die Hautschatten der Flügel erfordern besondere Behutsamkeit. Im Besucherzentrum (BIZ), wo Martin Müller und seine Kollegen vom Frankfurter Naturmuseum und vom Landesmuseum Darmstadt ihre Arbeit hinter Glas vorführen, herrscht reges Interesse an der Schaupräparation. „Wahnsinn“, entfährt es zwei Studentinnen, die Müllers Hände auf dem Monitor verfolgen. Per Kamera werden die Bilder vom Arbeitstisch übertragen. Müller kratzt winzige Knochen eines in Acrylharz eingebetteten Funds frei, jede Minute ist ein Wischen zu sehen, wenn er den in Wasser gelösten Ölschiefer mit einem kleinen Schwamm entfernt. „Faszinierend“ finden Sarah (23) und Sophia (24) – Studentinnen aus Berlin und Mainz –, wie das nasse, in Kunstharz eingegossene Fossil „scheibchenweise unter dem Mikroskop wieder aufersteht“.

Der technische Assistent Müller war bereits 1978 bei der ersten Fossilien-Grabung unter Leitung des Senckenberg-Wissenschaftlers Jens Lorenz Franzen im Messeler Ölschiefer dabei. Müller absolvierte die Senckenberg-Schule und spezialisierte sich später auf Paläobotanik. Langweilig ist ihm seine Arbeit nicht geworden. Fossile Blätter beispielsweise sind für den Mann aus Bad Vilbel, der „schon als kleiner Junge in Steinbrüchen nach Fossilien und Mineralien suchte“, noch immer eine Herausforderung.

Immer wieder stellen Besucher Fragen. Er wird nicht müde, Gruppen das vielleicht faustgroße versteinerte Tierchen zu zeigen, das wohl beim nächtlichen Beutefang in den Kratersee gestürzt ist. Müller berichtet, wie er bei den Extremitäten anfängt und zum Schluss die Flügelhaut freilegt. Fledermäuse gehören mit mehreren hundert Funden zu den häufigsten Messeler Säugetieren. Die kleinen Insektenfresser verfügten bereits über ein Echo-Ortungssystem, erklärt Müller den Besuchern.

Durch Ida, den spektakulären Fund des ersten komplett erhaltenen Primaten, sei die Öffentlichkeit im vergangenen Jahr noch einmal besonders auf Messel aufmerksam geworden, sagt Müller. Fossilien wie Ida, die sich im BIZ als Videoinstallation zusammen mit Fledermäusen in den Ästen tropischer Bäume tummelt, sind „natürlich Jahrhundert-Entdeckungen. Aber jede Grabung kann wieder neue Sensationen ans Licht bringen“, meint Martin Müller.

An drei Wochenenden im Dezember wollen die Präparatoren eine Schildkröte freilegen – „diesmal aber nicht hinter Glas“, verspricht Martin Müller. ( eda)

Besondere Angebote in der Grube Messel sind die ingenieurgeologische Führung am Dienstag, 23. November, und geologische Wanderungen an allen drei Adventssonntagen.

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