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Stolpersteine werden in vielen Gemeinden verlegt, hier ein Beispiel aus Neu Isenburg, dort lebte die Familie Weiss.

Stolpersteine in Seeheim-Jugenheim

Steinwürfe und Schmähbriefe

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In Seeheim-Jugenheim häufen sich Hass-Aktionen gegen Holocaust-Gedenken. Nach den Wurfangriffen mit Stolpersteinen auf Fenster des Rathauses hat die Polizei noch keine konkreten Hinweise auf die Täter, hat aber bereits den Staatsschutz eingeschaltet.

Einen Tag nachdem Fenster des Rathauses von Seeheim-Jugenheim (Landkreis Darmstadt-Dieburg) mit Holocaust-Gedenksteinen eingeschlagen wurden, hat die Polizei noch keine konkreten Hinweise auf die oder den Tatverdächtigen. „Wir können derzeit nichts zur Motivlage sagen, auch nicht, ob es einer oder mehrere Täter waren“, sagte Ferdinand Derigs, Sprecher des Polizeipräsidiums Südhessen der Frankfurter Rundschau. Auch gebe es keinerlei Bekennerschreiben „für diese feige Tat“, bei der die Polizei einen rechtsextremen Hintergrund vermutet und den Staatsschutz eingeschaltet hat. Die Grünen-Landtagsfraktion verurteilte die Tat als „erbärmlich“.

In der Nacht zu Mittwoch hatten der oder die Täter zwei Fenster des Rathauses zertrümmert, in dessen Räumlichkeiten derzeit eine Ausstellung über den Alltag jüdischer Kinder während des Holocaust zu sehen ist. Dafür verwendeten die Unbekannten sogenannte Stolpersteine, die bundesweit vor Wohnhäusern von Opfern des Nationalsozialismus verlegt werden. Die Steine waren laut Polizei im vergangenen November direkt nach ihrer Verlegung im etwa 23 Kilometer entfernten Weiterstadt-Gräfenhausen gestohlen worden.

Seeheim-Jugenheims Bürgermeister Olaf Kühn (parteilos) vermutet im Gespräch mit der FR „eine konzertierte Aktion“ organisierter Täter aus dem rechtsextremen Spektrum, wenngleich ihm „keine braune Gruppierung“ im Ort bekannt sei. Denn es war schon das zweite Mal, dass das Rathaus mit Stolpersteinen angegriffen wurde: Bereits im November, einen Tag nach dem Diebstahl in Gräfenhausen, hatten Unbekannte die Gedenksteine genutzt, um Rathaus-Fenster einzuschlagen. Allerdings handelte es sich dabei um Steine, die schon ein Jahr zuvor im nahegelegenen Griesheim gestohlen worden waren. Auch damals, so Kühn, sei in seiner Gemeinde eine Ausstellung zum Holocaust-Gedenken gezeigt worden. Zu keinem der Diebstähle hat die Polizei bislang genauere Erkenntnisse; fünf Steine werden noch vermisst. 2012 habe es im Landkreis 70 rechtsextreme Straftaten gegeben, fast ausschließlich Propagandadelikte, sagte Derigs.

In Seeheim-Jugenheim selbst, so Bürgermeister Kühn, seien zwar noch keine Stolpersteine gestohlen worden. Allerdings seien in der Nacht vor der ersten Verlegung im April 2013 rechte Parolen aufgetaucht: Unbekannte hätten „Stolpersteine, Steine der Lügen“ auf die Stelle gesprüht, wo die Steine in den Boden eingelassen werden sollten. Insgesamt sollen 40 Steine im Ort verlegt werden. Grundlage ist eine rund 1000-seitige Dokumentation zu Nazi-Opfern im Ort.

Zudem, so Kühn, erhielten er und die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat schon seit rund zwei Jahren Schmähbriefe mit antisemitischen Beleidigungen und Hakenkreuz-Schmierereien zugeschickt. Offensichtlich riefen die Holocaust-Gedenkaktionen seiner Gemeinde diese Reaktionen hervor.

Seit einigen Jahren sei das Gedenken an den Holocaust in Seeheim-Jugenheim durch einen Gemeinderatsbeschluss neu organisiert worden, um vor allem bei der jüngeren Generation die Erinnerung wach zu halten. Seitdem gebe es jährlich, etwa zum Holocaust-Gedenktag oder zum Jahrestag der Novemberpogrome eine Veranstaltung, etwa Ausstellungen, Zeitzeugen-Vorträge oder Schüler-Theater. Daran, so Kühn, werde die Gemeinde selbstverständlich weiter festhalten.

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