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Plötzlich ohne Eltern

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Das Darmstädter Jugendamt und eine Pflegefamilie kümmern sich um zwei Mädchen, die auf tragische Weise ohne ihre Eltern auskommen müssen. Der Vater steht vor Gericht, weil er die Mutter getötet haben soll.

Von einem Tag auf den anderen haben zwei Schwestern – die eine vier Jahre alt, die andere wird in wenigen Tagen acht – ihre Eltern auf eine besonders brutale Weise verloren. Der Vater, ein gebürtiger Iraker, steht momentan vor Gericht und hat dort bereits gestanden, die Mutter am 25. Oktober 2012 mit einem Hammer getötet zu haben. Niemand weiß, was die kleinen Mädchen am Tattag gesehen und gehört haben, sie werden darauf auch ganz bewusst nicht angesprochen.

„Die Kinder waren wie eingefroren“, erinnert sich Hiltrud Schmidt vom städtischen Sozialdienst an ihre erste Begegnung mit ihnen. Sie schienen das schreckliche Erlebnis einfach auszublenden – und spielten in ihrem Zimmer in der Eberstädter Wohnung, als die Polizei ermittelte. Zu diesem Zeitpunkt lebte ihre schwer verletzte Mutter noch. Sie starb am selben Abend in der Notaufnahme des Darmstädter Klinikums.

Inzwischen hat das Darmstädter Jugendamt die vorläufige Vormundschaft für die Mädchen übernommen. Mitarbeiter des städtischen Sozialdienstes waren sofort von der Polizei benachrichtigt worden und sorgten dafür, dass die Mädchen in Obhut genommen wurden. Im Darmstädter Haus des privaten Trägers „Petra“ konnten sie psychologisch betreut werden. Der Name steht für „Partner für Erziehung, Therapie, Research und Analyse“. Jedes in Obhut genommene Kind bekommt dort die volle Aufmerksamkeit von Sozialpädagogen, Diplom-Pädagogen, Psychologen und einer Hauswirtschafterin.

In Obhut zur Ruhe kommen

Im „Petra“-Haus sollten die Mädchen erst einmal zur Ruhe kommen. Gleichzeitig achtete das Jugendamt darauf, dass sie ihre bisherigen Kontakte, ihr letztes bisschen Normalität, nicht verlieren. Die Jüngste geht weiter in den Kindergarten, die Ältere in die Schule. Klaus Fischer, Leiter des städtischen Sozialdienstes, nennt es ein großes Glück, dass in kurzer Zeit Pflegeeltern mit psychologischem Know-how für die beiden gefunden wurden. Damit ihnen das neue Kinderzimmer vertrauter wird, wurden ihnen Spielsachen und Kleidung aus der alten Wohnung, aber auch Foto-Alben der Eltern, übergeben.

Nach der Tat zeigten die irakischen und kurdischen Verwandten von Vater und Mutter Interesse an den Halbwaisen, die deutsche Staatsangehörige sind. Das Jugendamt lud sie zu einem Gespräch, bei dem auch ein Dolmetscher anwesend war. Die Verwandten hätten sich davon überzeugen lassen, dass es für die Kinder besser ist, zunächst in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben, sagt Klaus Fischer. Sie nutzen nun die Möglichkeit, die Kinder bei den Pflegeeltern zu besuchen, die inzwischen auch kurdisch kochen gelernt haben.

Zum Helfersystem, das bei der Begleitung der traumatisierten Kinder aktiviert wurde, gehört ein Notfallseelsorger. Er brachte den Mädchen den Tod der Mutter bei und erklärte Lehrern und Mitschülern der Siebenjährigen, wie sie mit ihr umgehen sollen. Zusätzlich bekam sie eine „Begleitung in der Schule“ eine Person, die reagieren kann, wenn das Mädchen plötzlich in Tränen ausbricht oder Mitschüler verletzende Fragen stellen.

Erleichtert sind Hiltrud Schmidt und Klaus Fischer darüber, dass die Siebenjährige nicht vor Gericht aussagen musste. Das hätte das Mädchen ihrer Meinung nach „retraumatisiert“.

Die Kinder haben am Sarg Abschied von ihrer Mutter genommen, die im Irak beerdigt wurde. Ihren Vater konnten sie bisher noch nicht wiedersehen, aber ein Besuchstermin ist schon vorgemerkt. Sie werden ihn künftig einmal im Monat im Gefängnis sehen und sprechen können. (pyp.)

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