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Im Plakatwald

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Entlang des Rhönrings werben die Parteien besonders heftig.
Entlang des Rhönrings werben die Parteien besonders heftig. © Völker

Wahlkampf wirkt über visuelle Signale, nicht nur über den Austausch von Argumenten. Ein ironischer Blick auf die Wahlwerbung in der Öffentlichkeit

Niemals sei „die politische Kommunikation zwischen Politikern und Bürgern so intensiv wie in Wahlkampfzeiten“, behauptet die Leipziger Linguistin Ruth Geier. Doch Wahlkampf debattiert nicht nur Inhalte, sondern wirkt vor allem auch über das Visuelle, derzeit häufig in Form von Plakaten.

Die Darmstädter SPD beispielsweise wirbt mit dem Generalslogan „Füreinander DA sein“. Pseudokommunikation, aber sie rührt. Wir könnten uns eine Umarmung aber auch heftiger vorstellen. „Miteinander glücklich sein“ etwa oder „Friedlich vereint gemeinsam einen heben“. Schön wären auch Herzwärmer wie „Niemals niemanden mehr unsozial behandeln!“ oder „Seid umschlungen, vereinte Darmstädter!“. Alles absolut athematische Sprüche und ebenso gute Werberohrkrepierer.

Ein Slogan-Plakat wie „SPD: Für Schulen und Kitas, die kein Kind zurücklassen“ ist typografisch so eifrig wie chaotisch – mit drei verschiedenen Schrifttypen und vier verschiedenen Schriftgrößen. Vor allem aber schießt es mit Schrot: Etwas zu fordern, was im Prinzip jeder für richtig halten kann, löst keinerlei Entscheidungsimpuls beim Wähler aus.

Positive Reizwörter fehlen

„Uffbasse: Die Gefährte komme“ heißt es ein paar Meter weiter. Ein Slogan als Witz. Nur mäßig amüsant sogar für die, die die Wählergemeinschaft bereits kennen. Solch verspielt Unernstes lockt außerhalb des fest verbandelten Sympathisantenkreises aber niemanden. Werbepsychologisch verläuft es sich ins Selbstverliebt-Diffuse und erntet höchstens den irritierten Augenaufschlag.

Der FDP-Slogan „Gut in Hessen. Gut für Darmstadt“ gehört zu jenen, die mit anonymer Anrede ins Nichts laufen. Genauso gut könnte man Atemluft oder Umgehungsstraßen bewerben. Der Slogan verpasst die Chance zur Selbststilisierung über liberale Schlüssel- und Fetischwörter, verrät nichts, will nichts, fordert nichts – und hat damit keinerlei mentale Haftcreme zu bieten.

„Wir machen Druck“: Zum magischen Reizwort reicht es auch bei der Linken keineswegs. Wofür man sich so druckvoll engagiert, muss der Umworbene auf anderen Plakaten erlesen. Druck kann außerdem als lästig, unangemessen, belastend, gefährlich empfunden werden. Wer diese Assoziation riskiert, verzichtet schon vorab auf breite Sympathiestreuung.

„Wir machen mehr aus Darmstadt“, verspricht die CDU. Klingt nett, klärt aber gar nichts und ist damit offen für jedwede Interpretation und jeden Spott. „Mehr“ von was? Mehr als bisher? Mehr als die Konkurrenz? Mehr als man der Partei gemeinhin zutraut?Bei der Gestaltung der Plakate fällt auf, dass die Sozialdemokraten erstaunlich sparsam mit ihrer Farbe Rot umgehen. Es ist zwar da, aber nie prägend. Für die Kommunalwahl tritt man in stadtrevierspezifischen Kollektiven dem Bürger entgegen. Das hat Lokalbezug, das gibt der Wahlliste vor Ort Gesichter. Kandidaten etwa aus Bessungen gruppieren sich um den SPD-Würfel. Das hat gestalterisches System.

43 Wörter auf einem Plakat

Eine Plakatfläche von DIN A 1, befanden die Grünen, ist wirklich groß. Da können wir ganz viel Inhalte drauf drucken. „Familienfreundlich, kindgerecht, zuverlässig. Kinderbetreuung ist für uns eine Pflichtaufgabe für alle Kinder von 0 bis 12 Jahren. Wir setzen uns für kostenfreie Kindergärten ein. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist unser zentrales politisches Ziel. Unser Oberbürgermeister für Darmstadt. Jochen Partsch. Jetzt. Für uns.“

Das sind 43 Wörter auf einem Plakat. Solche Produkte sind also gar keine Plakate, sondern vergrößerte Programmbroschüren. Ein Plakat ist gefälligst plakativ. Wer Texttapeten wie jene der Grünen vom Auto aus lesen will, wird zum Schleicher, Bremser, Auffahrunfallverursacher. Und die Kandidatenplakate der Grünen sind nicht besser. Sie verführen den Stadtflaneur nur dazu, das Ding vom Baum zu nehmen, nach Hause zu tragen, um es dort am Abend bei einem Glas trockenem Roten in Ruhe durchzuarbeiten.

Wie Stimulanz und Klarheit der Ansprache überein kommen, wie man ein optisches Häppchen als Hingucker anbieten und gleichzeitig ein parteigebundenes Werbesignal senden kann, beweist mit einfachen Mitteln die Piraten-Partei: Foto von einer Türklinke mit dem Anhänger „Geschlossene Gesellschaft“, dazu der Schlüsselbegriff „Mehr Transparenz“ und der Hauptslogan „Ehrliche Politik braucht keine Hinterzimmer!“.

Damit sind die Piraten blitzschnell im Auge und im Verstand des Passanten.Mit reinen Textplakaten und großen Schriftbildern (weiß auf rot) arbeitet die Linke. „Reichtum umverteilen“ oder „Schuldenbremse heißt Sozialabbau“ schreien diese Plakate geradezu übers Trottoir. Das kommt angemessen aggressiv daher, denn der Plakat-Kampf ist genau so zu führen: holzschnittartig. Die wenigen Sekunden Aufmerksamkeit, die das Plakat ergattern kann, sind zu nutzen.

Manches gefällt gut

Mit Abstrichen ebenfalls ein „gut“ erhält das Bündnis für Innovation & Gerechtigkeit (BIG) für einige Motive, etwa „Mut zur Vielfalt“: Ein mittelblondes Mädchen hält Hand mit einem orientalisch aussehenden und einem dunkelhäutigen Jungen, drunter steht schlicht: „Wir sind Deutschland“.

Immerhin: Die Junge Union klebt eine Woche vor dem Urnengang nicht etwa nur dröge Präsenzplakate, sondern welche, die Zwiesprache mit dem Betrachter suchen: „Schon vergessen? 700 Mio Euro Schulden, Haushalts-Chaos, 100.000 Euro für Zinsen jeden Tag“. Es sind Zahlen und Fakten benannt, politische Defizite werden brandmarkend dem Gegner zugewiesen.

Das darf sein. Das „Danke Rot-Grün, es reicht! Wechsel wählen: CDU“ richtet zudem konkret die Ansprache an enttäuschte Wähler der Konkurrenz, arbeitet also mit dem Prinzip Einladung: Nicht hadern, einfach wechseln. Innerhalb der Werbekampagne 2011 diesbezüglich ein Unikat. ( phg)

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