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Pilot muss höllisch aufpassen

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Bernd Stöhr führt über seine Beobachtungen aus dem Hubschrauber Protokoll.
Bernd Stöhr führt über seine Beobachtungen aus dem Hubschrauber Protokoll. © Hans Dieter Erlenbach

Die Leitungstrassen in Südhessen werden vom Helikopter aus untersucht. Der Pilot muss dabei höllisch aufpassen. Die Berührung der Hochspannungsleitung mit dem Hubschrauber wäre tödlich. Für alle Insassen.

"Bitte etwas näher“, sagt Bernd Stöhr und bittet den Piloten eines viersitzigen Hubschraubers, noch einmal an die Stromtrasse bei Messel (Kreis Darmstadt-Dieburg) heranzufliegen. Stöhr hat etwas entdeckt, was nicht in Ordnung ist. Ein Vogelnest hängt weit herunter. Beim nächsten Sturm könnte es in die Stromtrasse stürzen. Stöhr notiert sich die Sache in einem Protokoll, Hubschrauberpilot Jochen Stein fliegt mit seinem weißen Helikopter vorsichtig weiter.

Derzeit werden in Südhessen und in Baden-Württemberg vom Stromnetzbetreiber Syna, einem Tochterunternehmen der Süwag, die Leitungstrassen kontrolliert. Die Inspektion dient der Sicherheit der Stromversorgung.

Am frühen Morgen kommt der Hubschrauber vom Flugplatz Mainz-Finthen auf das Gelände eines riesigen Umspannwerks in Rödermark-Urberach (Kreis Offenbach) geflogen. Pilot Stein hat drei Tage lang eine schwierige Aufgabe vor sich. Er fliegt Bernd Stöhr und einen Kollegen an Stromtrassen entlang. Besonders nah und deshalb nicht ganz ohne. Die 110 000 Volt der Stromtrassen haben die Hubschrauberinsassen quasi direkt vor der Nase. Jochen Stein muss höllisch aufpassen, mögliche Windböen einkalkulieren und den Hubschrauber im Langsamflug zwischen 20 und 30 Kilometer pro Stunde exakt auf Kurs halten. Die Berührung der Hochspannungsleitung wäre tödlich. Für alle Insassen.

Vorsichtig hebt Stein wieder vom Gelände des Umspannwerks ab, dreht den Hubschrauber um 180 Grad und zieht ihn dann sanft über den Zaun des Areals. Steigen darf er noch nicht, sonst würde er in den Leitungen landen. Ein Stück von der Hochspannungsleitung entfernt zieht er den Hubschrauber dann hoch, fliegt eine scharfe Kurve und nimmt die Leitungstrasse ins Visier. Bernd Stöhr und sein Kollege sitzen links im Hubschrauber hintereinander und beobachten mit Argusaugen die Strommasten und die Leitungen. Ihnen darf nichts entgehen. Sie schauen nach möglichen Schäden, die durch Blitzeinschlag verursacht werden können, aber auch nach Roststellen und eben nach Vogelnestern.

Nester dürfen bleiben

Vögel brüten offenbar gerne auf Hochspannungsmasten. Doch wenn ihre Nester zu weit herunterhängen und beim nächsten Sturm in die Leitung geraten könnten, wird dies als umgehend zu beseitigender Gefahrenpunkt aufgeschrieben. Mitarbeiter des Netzbetreibers müssen dann von unten an das Nest ran und die überstehenden Teile beseitigen. Das Nest selbst darf bleiben.

Angst hat von der Flugzeugbesatzung niemand. Jochen Stein ist ein alter Hase in der Fliegerei. Früher Kampfpilot bei der Bundeswehr, ist er seit 2004 mit Hubschraubern unterwegs. Die Flüge um die Stromtrassen macht er seit Jahren. „Das ist nicht gefährlicher, als nach Mallorca zu fliegen“, sagt Bernd Stöhr, der seinen Inspektionsjob seit 30 Jahren macht.

Alle zwei Jahre geht es in die Luft, um 1400 Freileitungsmasten und 440 Kilometer Leitung zu inspizieren. Kommendes Jahr sind wieder Fußmärsche angesagt. Dann erfolgt die Leitungsinspektion vom Boden aus. Drei Wochen lang ist Stöhr dann mit mindestens einem Mitarbeiter zu Fuß unterwegs, um vor allem die Masten zu kontrollieren. Pro Tag werden dann, abhängig vom Wetter, bis zu 30 Kilometer zurückgelegt.

Von unten gibt es viele Gefahrenstellen für Stromtrassen. Äste von Bäumen, die in die Leitungstrassen hineinragen, aber auch Hecken oder Kletterpflanzen, die sich die Masten erobern wollen. Alles muss dann radikal zurückgeschnitten werden

Kommt ein Gewitter dazwischen, muss die Inspektion ebenso unterbrochen werden wie bei starken Windböen. Dann setzt der Helikopter auf einem Feld auf und die Besatzung wartet, bis das Wetter abgezogen ist. (hde)

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