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Protest gegen Aus für Pfungstädter Bier: Gibt es noch eine Chance?

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Von: Annette Schlegl

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Ein langer Demonstrationszug wälzte sich am Donnerstagnachmittag mitten durch die Stadt.
Ein langer Demonstrationszug wälzte sich am Donnerstagnachmittag mitten durch die Stadt. Die Forderung der Bürger:innen: Das Pfungstädter Bier soll weiter fließen. © Renate Hoyer

Mehr als 1000 Bürger und Bürgerinnen haben vehement für den Erhalt der Pfungstädter Brauerei demonstriert. Laut Bürgermeister besteht noch Hoffnung.

Pfungstadt – „Unser Bier bleibt hier.“ Immer wieder schallen diese Worte am Donnerstag durch Pfungstadt. Ein langer Protestzug wälzt sich vom Brauereigelände bis zum Stadthaus durch den Ort. Trillerpfeifen schrillen, viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen halten Schilder hoch, auf denen ihre Forderung klar formuliert ist: Die Pfungstädter Brauerei muss erhalten bleiben. Der Grundstückseigentümer Daniel Hopp, Sohn von Milliardär Dietmar Hopp, will dort bekanntlich eine Wohnanlage namens „Stadtgärten Pfungstadt“ bauen lassen.

Nach Polizeiangaben finden sich mehr als 1000 Demonstrierende ein. „Wir gehen auf die Gass, damit wir nicht auf der Straße stehen“, ist auf dem Schild einer Brauereimitarbeiterin zu lesen. „Wenn sich nichts mehr ändert, sind wir wahrscheinlich Ende März weg“, sagt ein Beschäftigter. Die Pacht laufe zwar noch bis Ende 2023, aber „das gesamte Gelände muss ja noch leer geräumt werden“.

Bürgermeister hofft noch auf Lösung in letzter Minute für Pfungstädter Brauerei

Ändern können die Stadtverordneten noch was, meint Bürgermeister Patrick Koch (SPD). Er vergleicht die Geschehnisse der vergangenen Tage mit einem Fußballspiel. Dass die Stadtverordnetenmehrheit am 12. Dezember seine vorgeschlagene Bürgerbefragung abgelehnt hat, sei ein nicht gegebener Elfmeter gewesen.

Brauereimitarbeiter verteilten kostenloses „Gedenkbier“ an die Demonstrierenden.
Brauereimitarbeiter verteilten kostenloses „Gedenkbier“ an die Demonstrierenden. © Renate Hoyer

Es gebe immer noch die Möglichkeit der Verlängerung und eines Treffers in letzter Minute. „Ein Unentschieden, bei dem Brauen und Bauen zusammen möglich sind, wäre doch eine Lösung“, ruft er auf dem Podium vor dem Stadthaus und appelliert an die Stadtverordneten, das kleine Zeitfenster zu ergreifen, das noch bleibt. Schließlich hätten sie ja auch bekundet, dass sie durchaus für den Erhalt der Brauerei sind, auch wenn sie in der Stadtverordnetenversammlung gegen eine Bürgerbefragung stimmten.

Die jüngste Geschichte

Im Mai 2020 sprachen sich 97 Gesellschafter – die Alteigentümer der Brauerei – dafür aus, das Brauereigrundstück an den Mannheimer Investor Daniel Hopp zu verkaufen, der dort in Zusammenarbeit mit dem zur Hopp-Gruppe gehörenden Projektentwickler Conceptaplan aus Dossenheim ein Wohnquartier entstehen lassen wollte.

Im Juni 2020 sollte die Pfungstädter Brauerei im Schutzschirmverfahren saniert werden, um eine drohende Zahlungsunfähigkeit abzuwenden.

Mitte August 2020 stimmte der Gläubigerausschuss zu, dass der Brauereibetrieb in den Besitz des Anlagenbauers Uwe Lauer aus Seeheim-Jugenheim geht. Er übernahm die Brauerei im Dezember 2020.

Im Mai 2021 gab die Brauerei bekannt, sie plane einen Rückkauf des Grundstücks, nachdem kein geeigneter Standort für einen Neubau gefunden werden konnte.

Eine Einigung mit der Milliardärsfamilie Hopp gibt es bis heute nicht. Sie will dort nach wie vor Wohnungen bauen.

Der Pachtvertrag der 191 Jahre alten Traditionsbrauerei läuft mit Ende des kommenden Jahres ab. ann

Gegenüber der FR konkretisiert der Bürgermeister: Wenn in den kommenden vier bis sechs Wochen eine Lösung in Sicht käme, müsse der Bierhahn vielleicht nicht zugedreht werden. Die Stadtverordneten könnten den Vertrag mit dem Investor an Bedingungen oder an Zugeständnisse knüpfen – zum Beispiel, dass er auf dem Brauereigelände höher und dichter bauen könne, wenn er einen Teil des Areals an Brauereibesitzer Uwe Lauer abgebe. Dann könnte dort noch gebraut werden. Logistik und Abfüllung könnten eventuell „nach draußen“ verlegt werden.

Die Brauerei mit dem Hufeisen und dem Stern sei identitätsstiftend und „bis Afrika bekannt“, so Geschäftsführer Peter Winter.
Die Brauerei mit dem Hufeisen und dem Stern sei identitätsstiftend und „bis Afrika bekannt“, so Geschäftsführer Peter Winter. © Renate Hoyer

Ende der Pfungstädter Brauerei wäre tragisch für ganz Hessen

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, ruft Landtagsvizepräsidentin Heike Hofmann (SPD). Sie plädiert dafür, dass sich alle Akteure noch einmal zusammensetzen „und verdammt noch mal eine Lösung finden.“ Brauerei-Geschäftsführer Peter Winter bezeichnet ein mögliches Ende des Unternehmens als tragisch für die ganze hessische Brauindustrie, „weil Binding im nächsten Jahr fast zeitgleich zugemacht wird“. Auch er sieht jetzt die Politik und die Stadtverordneten in der Pflicht, dass die Pfungstädter Brauerei nicht von der Landkarte verschwindet. Tanja Hegemann, die Gründerin der Bürgerinitiative „Brauen statt bauen“, erklärt, die BI habe „alles versucht, was man machen kann“. Jetzt sei die Zeit gekommen für Gespräche am runden Tisch.

Namens der Belegschaft erklärt Caroline Maiwald, dass auch Gastronomen, Landwirte, die Rohstoffe liefern, und Vereine, die unterstützt werden, vom Brauereierhalt profitieren. In jeder Abteilung des Betriebs seien Investitionen getätigt worden, die Brauerei sei nun ein solventes und funktionierendes Unternehmen. „Jetzt, wo es gut läuft, soll mit allem Schluss sein?“, fragt sie. Walburga Neuburg, die Ururenkelin des Firmengründers, sieht in der Brauerei einen Schatz für Pfungstadt. Ohne die Brauerei werde Pfungstadt uninteressant, meint sie. „Wo sonst gibt es das, dass ein Betrieb so lange lebt.“ (Annette Schlegl)

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