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Pfefferminzdrops als Zugabe

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Maik Schüpfer (links) und Friedrich Stroh versorgen Khalil aus Syrien mit Essen.
Maik Schüpfer (links) und Friedrich Stroh versorgen Khalil aus Syrien mit Essen. © Andre Hirtz

Die Darmstädter Tafel hat einen Extra-Ausgabetag für Asylbewerber eingerichtet. Das Angebot wird mittlerweile von rund 100 Flüchtlingen wahrgenommen.

Zur Lebensmittelausgabe der Darmstädter Tafel an der Bismarckstraße kommen mittlerweile so viele Flüchtlinge, dass für sie ein Extra-Tag eingerichtet wurde. Essen gibt es genug, aber die Verständigung ist mangels Sprachkenntnissen und Dolmetschern eine Herausforderung. Da hilft manchmal nur die Riechprobe.

„Der nächste bitte“, ruft’s aus der offenen Tür raus. Es klingt ein bisschen wie beim Arzt, doch die Wartenden hier haben ein anderes Begehr: Sie sind Flüchtlinge, sie haben wenig Geld, sie wollen günstig Lebensmittel kaufen. Und weil es immer mehr werden, stehen sie seit einigen Wochen jeden Donnerstagvormittag geballt in Schlangen vor den Verkaufsräumen der Tafel in der Bismarckstraße an.

„Sprechen Sie Englisch?“ Das ist die Frage, die Udo Seitz und Fritz Stroh hier am häufigsten stellen. Freilich auf Englisch. Seit vier Jahren engagieren sie sich ehrenamtlich in der Essensanlaufstelle für Menschen mit wenig oder keinem Einkommen, und heute sind sie für die Ausgabe an Asylbewerber zuständig. Der Ton ist freundlich – auf beiden Seiten. „Das einzige Problem ist die Sprache“, sagt Seitz und fragt den Nächsten: „Do you speak English?“

Einer nach dem anderen tritt herein, zeigt sein rotes Bezahlkärtchen vor und bekommt Lebensmittel in einen Plastikkorb gelegt. „Bread?“, sagt Seitz und deutet auf das Brotregal. Da nickt jeder. Außerdem im Angebot: Frische Pasta, Radieschen, Dosen-Tomatensuppe, arabische Falafel-Bratlinge oder für die Kinder Adventskalender – alles gute Dinge teils in Bioqualität, alles gespendete Übrigbleibsel der Überflussgesellschaft.

Im Spätsommer fing es an, dass zunehmend auch Flüchtlinge zur Lebensmittelausgabe der Tafel montags, mittwochs und freitags kamen (wir haben berichtet). „Anfangs haben wir sie integriert“, berichtet Tafelchefin Ursula Summer. „Aber dann wurden es zu viele.“ Also richtete man einen zusätzlichen Ausgabetag am Donnerstag ein, zu dem nahezu ausschließlich Flüchtlinge kommen – mittlerweile mehr als 100. Wie die übrigen Tafelkunden auch, zahlt jeder von ihnen zwei Euro.

Schwierigkeiten bei Verständigung

„Wir haben keine Probleme mit den Leuten“, betont Summer. „Obwohl wir unheimliche Schwierigkeiten haben, uns zu verständigen.“ Die wenigsten der Geflüchteten sprechen Englisch, geschweige denn Deutsch. Und die wenigsten der Helfer sprechen etwas anderes als Deutsch oder Englisch. „Was man auch lernen muss: Sie essen nicht alles.“ So ist Schweinefleisch bekanntlich für Muslime verpönt. Doch auch Geflügel esse mancher nicht, wenn es nicht per Schächtung geschlachtet wurde. Zudem seien vielen hiesige Gemüsesorten wie etwa ein Blumenkohl gänzlich unbekannt.

Die Tafel-Leiterin hat sich um Dolmetscher bemüht und bei mehreren Stellen nachgefragt. Doch von Erfolg war das nicht gekrönt. „Und von der Stadt haben wir da auch gar keine Unterstützung bekommen“, moniert sie. Also wurschtelt sich das Team irgendwie so durch – mit Händen, Füßen und vielen Fingerzeigen. „Wenn wir diese ganzen Ehrenamtlichen nicht hätten, wäre das System längst zusammengebrochen“, sagt Summer mit ernstem Blick.

Während sie das im Tafel-Gastraum erzählt, haben sich Omar Hani und Mohammed Jiaan neben sie an den Tisch gesetzt. Sie sind zum ersten Mal hier und trinken etwas, bevor sie sich für Lebensmittel anstellen. „Weil wir nur wenig Geld haben“, begründet das der 37 Jahre alte Iraker Hani. Wie er erzählt, hat er in seiner Heimat als Journalist für Zeitung und Fernsehen gearbeitet und musste wegen seiner kritischen Berichterstattung fliehen. Nun lebt der Asylbewerber in Darmstadt vorerst in einem Hotel.

„Der nächste bitte“, ruft Fritz Stroh, der händeringend versucht, die abgepackte Jagdwurst an den Mann oder die Frau zu bringen. Fragend deutet er dann auf das Schwein, das neben anderen Tiersymbolen auf Papier als notdürftige Übersetzungshilfe an der Wand hängt. Die meisten winken ab, aber dann hat er Glück: Die junge Frau vor ihm ist zwar aus Syrien, aber keine Muslimin. Er legt ihr gleich zwei Wurstpäckchen in den Korb, und sie freut sich darüber mindestens genauso wie er.

Dann kommt auch Omar Hani an die Reihe. Stroh: „You eat fish?“ Der Iraker nickt bestätigend, während ein Glas Rollmöpse in seine Richtung getragen wird. Die Frage, ob er in seiner Unterkunft kochen kann, muss er indes verneinen. Also bekommt er Dinge, die man auch ohne Kochen essen kann: Tomaten, Fladenbrot, Kartoffelsalat. (aw)

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